Aufsteiger Erkenschwick: Konzept steht über Ligazugehörigkeit
Der SV Erkenschwick 1923 hat sich mit einem 5:3 im Aufstiegsstichkampf beim Münchener SC den größten sportlichen Erfolg seiner Vereinsgeschichte gesichert. Doch der Aufstieg in die Schachbundesliga ist für den Verein nicht das Ergebnis eines kurzfristig zusammengestellten Starensembles. Der Ruhrpottklub setzt auf Kontinuität, intensive Jugendarbeit, eine enge Bindung der Spieler an den Verein – und auf die Idee, dem erfolgreichen Zweitligakader auch im Oberhaus zu vertrauen.
Das Überraschungsteam der Deutschen Pokalmannschaftssaison 2025/26 aus Erkenschwick. | Foto: SV Erkenschwick
„Wir wollen den Spielern die Chance geben, in der Bundesliga zu spielen“
Der SV Erkenschwick steht vor seiner ersten Saison in der Schachbundesliga. Der Aufstieg kam im März 2026 mit einem 5:3 beim Münchener SC 1836 zustande und bedeutete den größten Erfolg der mehr als 100-jährigen Vereinsgeschichte.
Bemerkenswert ist dabei neben dem sportlichem Erfolg vor allem der Weg, den der Verein eingeschlagen hat. Erkenschwick versteht den Aufstieg nicht als Anlass für einen kompletten Neustart, sondern als nächsten Schritt einer Entwicklung, die über Jahre gewachsen ist. Spieler sollen nicht nur aufgrund ihrer Elozahl verpflichtet werden, sondern zum Verein und zu dessen Struktur passen. Das gilt besonders für die Nachwuchsarbeit: Im vergangenen Jahr investierte der Verein nach Angaben von Frank Strozewski mehr als 25.000 Euro in die Jugendarbeit. Die U20 wurde Dritter bei der Deutschen Vereinsmeisterschaft, mehrere Nachwuchsspieler arbeiten an ihren nächsten Titelzielen.
Auch organisatorisch setzt sein Klub laut dem Vereinsvorsitzenden und Teamchef der ersten drei Mannschaften auf langfristige Entwicklung. Die erste Bundesliga soll laut Strozewski nicht isoliert neben dem übrigen Vereinsleben stehen. Neue Spieler waren teilweise bereits in der Jugendarbeit engagiert, erfahrene Großmeister und Internationale Meister übernehmen zugleich Aufgaben als Trainer und Unterstützer des Nachwuchses.
Im Interview erläutert Frank Strozewski, warum Erkenschwick trotz des Sprungs ins Oberhaus an seinem erfolgreichen Kurs festhält, welche Rolle die Jugend spielt und weshalb ein Bundesliga-Neuling nicht zwangsläufig seine Identität aufgeben muss.
Der Aufstieg wurde mit dem 5:3-Sieg in München perfekt gemacht. Was bedeutet dieser Erfolg für den Verein?
Das ist natürlich etwas ganz Besonderes. Es ist der größte Erfolg unserer Vereinsgeschichte. Gleichzeitig zeigt der Aufstieg, dass sich die Arbeit der vergangenen Jahre ausgezahlt hat. Wir haben eine gewachsene Struktur und wollten immer eine Mannschaft aufbauen, die nicht nur sportlich funktioniert, sondern auch zum Verein passt.
Was war dabei für Sie der entscheidende Punkt?
Wir wollten zunächst eine solide Zweitligamannschaft aufbauen und gleichzeitig die Jugend stark einbinden. Der Aufstieg war nicht von Anfang an das einzige Ziel. Es hat sich dann Schritt für Schritt entwickelt. Dass wir schließlich die Möglichkeit bekommen haben, in die Bundesliga aufzusteigen, war natürlich großartig.
Erkenschwick ist nicht mit einem komplett neuen Starensemble aufgestiegen. Wie wichtig war die gewachsene Mannschaft?
Sehr wichtig. Wir wollten bewusst mit dem gleichen Team weitermachen und den Spielern, die den Aufstieg geschafft haben, auch die Chance geben, in der ersten Bundesliga zu spielen. Die Mannschaft ist kompakt und sehr motiviert. Das ist für uns wichtiger, als einfach möglichst viele neue Namen zu holen.
Die Mischung macht´s ...
Dabei gibt es eine interessante Mischung aus erfahrenen Spielern und jungen Talenten. Welche Rolle spielt diese Kombination?
Eine sehr große. Wir haben erfahrene Spieler wie Toms Kantans und Nikita Meshkovs, dazu weitere erfahrene Spieler und unsere jungen Spieler wie den U16-Europameister Mykola Kochynskyi. Gerade diese Mischung ist ein wichtiger Bestandteil unseres Konzepts. Einige unserer Jugendlichen arbeiten noch an ihren Großmeisternormen. Für sie ist die Bundesliga eine große Chance.
Auch neue Spieler wie Isaac Garner und Liam Vrolijk passen in dieses Konzept?
Ja. Isaac und Liam wären unabhängig vom Aufstieg zu uns gekommen. Beide waren bereits in unserem Jugendbereich aktiv und passen deshalb sehr gut in die Struktur. Das ist für uns ein wichtiger Punkt: Wir wollen Spieler nicht nur nach ihrer Spielstärke betrachten, sondern auch danach, ob sie sich in unser Vereinsleben integrieren.
Das ist ein anderer Ansatz als bei vielen Mannschaften im Spitzenschach.
Wir wollen einen Verein aufbauen und nicht nur eine Mannschaft für eine bestimmte Saison. Das ist ein wichtiger Unterschied. Wir haben Spieler, die seit vielen Jahren bei uns sind. Einige sind seit mehr als 25 Jahren im Verein. Diese Verbundenheit ist etwas, das wir erhalten wollen.
Die Jugendarbeit nimmt dabei offenbar eine zentrale Rolle ein.
Ja. Wir haben im vergangenen Jahr mehr als 25.000 Euro in die Jugendarbeit investiert. Das ist für uns eine wichtige Säule. Unsere U20 war bei der Deutschen Vereinsmeisterschaft 2025 Dritter und gilt in diesem Jahr als einer der Favoriten auf die Meisterschaft. Wir haben außerdem mehrere deutsche Meister und Europameister hervorgebracht. Die dreizehnjährige Mariia Bohatyrova beispielsweise tritt nach ihrem guten Abschneiden mit zwei Meistertiteln bei der Deutschen Meisterschaft bei der Juniorenweltmeisterschaft an. Mykola Korchynskyi will nach einer durchwachsenen Weltmeisterschaft seinen Europameistertitel verteidigen.
Und die Bundesliga-Spieler selbst sollen ebenfalls etwas an die nächste Generation weitergeben?
Genau. Nikita und Toms haben Erfahrung im Jugendtraining und betreiben in Riga eine Schachschule. Auch Zigurds Lanka, der bereits seit Jahren als Trainer gearbeitet hat, soll sich bei uns stärker auf das Jugendtraining konzentrieren. Wir versuchen also, sportliche Qualität und Nachwuchsarbeit miteinander zu verbinden.
Saisonziele
Die Bundesliga ist trotzdem eine völlig andere Welt. Was ist das Ziel für die erste Saison?
Wir wissen, dass es schwierig wird. Wir müssen vor allem gegen die Mannschaften punkten, die ebenfalls um den Klassenerhalt kämpfen. Wichtig wird sein, auch bei möglichen Niederlagen zu Beginn den Teamgeist hochzuhalten. Wir setzen auf gute Einzelergebnisse und darauf, als Mannschaft kompakt zu bleiben.
Der Auftakt gegen den Deutschen Meister SC Viernheim ist allerdings maximal anspruchsvoll.
Das ist richtig. Wir rechnen dort eher mit einer klaren Niederlage, sehen aber natürlich trotzdem unsere Chancen. Gerade gegen einen solchen Gegner kann man ohne großen Druck spielen. Außerdem ist es für uns ein interessantes Wiedersehen nach dem Pokalfinale.
Denn dort hat Erkenschwick zunächst für eine Überraschung gesorgt und Deizisau sowie Baden-Baden mit 2½:1½ ausgeschaltet.
Das waren großartige Erfolge im Mannschaftspokal. Im Viertelfinale haben wir Deizisau, im Halbfinale Baden-Baden tatsächlich mit 2½:1½ geschlagen. Das zeigt, was möglich ist, wenn alles zusammenpasst. Im Finale gegen Viernheim war der Unterschied dann allerdings deutlich: Viernheim gewann mit 3:1 und trat mit drei Spielern jenseits der 2700 an. Allerdings hätte selbst dieses Match in der Zeitnotphase zu unseren Gunsten kippen können.
Hat dieses Pokalwochenende eher gezeigt, wie weit der Weg nach oben noch ist – oder wie nah Erkenschwick inzwischen an der Spitze ist?
Wahrscheinlich beides. Gegen Deizisau und Baden-Baden haben wir gesehen, dass wir auch gegen sehr starke Mannschaften gewinnen können. Gegen Viernheim hat man gleichzeitig gesehen, welche Unterschiede an der Spitze bestehen. Wir wollen uns davon aber nicht entmutigen lassen.
Wie wichtig ist dabei beispielsweise Mykola Korchynskyi?
Mykola ist ein sehr wichtiger Spieler für uns. Er gehört zu unseren jungen Spielern und arbeitet als junger IM jetzt an seinem Großmeistertitel. Für solche Spieler ist es enorm wichtig, auf diesem Niveau Erfahrungen sammeln zu können. Genau diese Möglichkeit wollen wir ihm geben.
Sie selbst sind ebenfalls als Spieler gemeldet. Warum?
Vor allem aus praktischen Gründen. Wenn es einen Krankheitsausfall gibt, möchte ich als Mannschaftsführer vor Ort einspringen können.
Abschlusstabelle 2025/26, 2. Liga Nord:
Kader

Vergleich: Aufstiegskader (links) und Kader für die Saison 2026/27 in der Schachbundesliga
Hinter den Kulissen
Wie wichtig wird die Organisation hinter den Kulissen?
Sehr wichtig. Wir müssen die Reisen, Unterkünfte und Spielorte sinnvoll planen. Die erste Runde und auch die Endrunde finden in Neuwied statt, was für uns kostengünstig ist. Außerdem spielen wir neben unserem Heimwochenende vom 12. bis 14. Februar noch in Solingen, was auch um die Ecke liegt. Die einzige weitere Reise steht im Frühjahr (5. bis 7. März) nach Deggendorf an. Mit dem Gästehaus der Abtei Sayn und dem Haus Haard in Oer-Erkenschwick haben wir also für vier der fünf Spielwochenenden gute und günstige Unterkünfte gefunden, die sich auch für Teambuilding eignen. Der Reiseaufwand ist also nicht das Hauptproblem. Die größere Herausforderung ist für mich momentan aber die Arbeitsbelastung durch die in meinen Leistungssportbereich aufgestiegene dritte Mannschaft, die in der kommenden Saison in der NRW-Klasse spielt. Wie auch die zweite Mannschaft, die in die NRW-Liga aufgestiegen ist, soll beide Teams sofort noch einen weiteren Schritt nach oben machen. So können wir der Vielzahl der starken Spieler vor allem aus unserem Nachwuchs eine passende Liga bieten.
Das Heimspielwochenende wird im Rathaus ausgetragen!
Das ist der Plan. Die Unterstützung der Stadt ist für uns sehr wichtig. Wenn wir das Rathaus als Spielstätte nutzen können, wäre das auch für die Vermarktung und die öffentliche Wahrnehmung des Schachs in Oer-Erkenschwick sehr förderlich.
Was müsste am Ende der Saison passiert sein, damit Sie sagen: Dieses Bundesliga-Abenteuer war erfolgreich?
Natürlich wollen wir möglichst die Klasse halten. Aber es geht um mehr. Wir wollen zeigen, dass unser Konzept funktioniert und dass ein Verein mit einer starken Jugendarbeit, einer gewachsenen Mannschaft und einer guten Vereinsstruktur auch in der Bundesliga seinen Platz finden kann.
Herr Strozewski, wir danken Ihnen für das Gespräch!
Mehr als nur die erste Mannschaft
Genau darin liegt die vielleicht interessanteste Seite des Erkenschwicker Aufstiegs. Der Verein versucht nicht, den Sprung ins Oberhaus mit einem Bruch seiner bisherigen Entwicklung zu verbinden. Vielmehr soll die Bundesliga Teil einer bestehenden Vereinsstruktur werden. Die Nachwuchsarbeit wird dabei nicht als lästige Aufgabe betrachtet, sondern als zentrale Investition in die Zukunft des Vereins. Erfahrene Spieler übernehmen Verantwortung, Jugendliche erhalten Perspektiven und neue Verpflichtungen sollen sich in das Vereinsleben einfügen.
Sportlich wird die Aufgabe dennoch gewaltig. Erkenschwick startet am 9. Oktober beim Deutschen Meister SC Viernheim in seine erste Bundesliga-Saison, am folgenden Tag geht es gegen Werder Bremen, ehe am Sonntag das erste Duell mit dem SC Heimbach-Weis-Neuwied folgt.
Der Verein weiß, dass er in vielen Begegnungen Außenseiter sein wird. Gerade deshalb wirkt der Erkenschwicker Ansatz bemerkenswert: Nicht die Bundesliga soll den Verein verändern, sondern der Verein möchte seinen eigenen Weg auch in der Bundesliga fortsetzen. Der Aufstieg ist damit weniger Endpunkt als Belastungsprobe für ein Konzept, das auf Kontinuität, Jugendförderung und Vereinsbindung setzt.




