Die Saison 2026/27 startet: Auftakt mit Titelverteidiger SC Viernheim
Die Schachbundesliga beginnt am Freitag mit einem ungewohnten Rhythmus: Drei Runden in drei Tagen eröffnen die Saison 2026/27. Im Mittelpunkt steht das Duell zwischen dem amtierenden Meister SC Viernheim und der OSG Baden-Baden, die nach zwei Jahren ohne Titel zurückschlagen will. Dahinter drängen mehrere Mannschaften nach vorn. Der FC St. Pauli setzt auf Richard Rapport und hofft auf ein Comeback von Magnus Carlsen, Werder Bremen bringt mit Faustino Oro ein außergewöhnliches Talent an die Bretter. Für die drei Aufsteiger beginnt die Saison dagegen sofort mit anspruchsvollen Aufgaben.
Gelingt es dem SC Viernheim den souverän erspielten Titel zu verteidigen? Die OSG Baden-Baden wird sicher ein Wörtchen mitsprechen wollen im Titelkampf ... | Foto: Reinhard Ahrens
Wenn am Freitag um 16 Uhr die ersten Bretter freigegeben werden, startet die Schachbundesliga nicht nur in eine neue Saison, sondern zugleich in einen neuen organisatorischen Rhythmus. Der Spielplan wurde deutlich gestrafft: Statt sieben Wochenenden gibt es 2026/27 nur fünf Spieltermine, an denen jeweils drei Runden ausgetragen werden. Der erste davon führt die Mannschaften vom 9. bis 11. Oktober an vier Spielorte.
Für die Zuschauer bedeutet das einen ungewöhnlich kompakten Einstieg. Für die Mannschaften ist es dagegen eine erste Prüfung der Kaderbreite. Drei Begegnungen innerhalb eines Wochenendes können zeigen, welche Vereine ihre Spitzenspieler tatsächlich einsetzen können – und welche Teams auch dann stabil bleiben, wenn einzelne Stammkräfte fehlen.
Komplettierte Berichterstattung per Stream
Lange fehlte der Schachbundesliga eine mediale Begleitung, die ihrem sportlichen Anspruch wirklich gerecht wurde. Zwar haben einzelne Vereine in den vergangenen Jahren bereits eigene Kommentierungen angeboten. Besonders der SC Viernheim setzte dabei mit GM Ilja Zaragatski und Angelika Valkova regelmäßig Maßstäbe, konzentrierte sich in seiner Übertragung jedoch naturgemäß vor allem auf die eigenen Mannschaftskämpfe. Auch der FC St. Pauli und der FC Bayern München sorgten bei ausgewählten Spieltagen für zusätzliche Live-Formate.
Mit dem Saisonstart am Freitag wird dieses Angebot nun deutlich erweitert. Der Deutsche Schachbund steigt mit SchachdeutschlandTV in die umfassende Live-Berichterstattung über die Bundesliga ein. Über YouTube und Twitch sollen künftig die gesamten Spieltage begleitet und damit nicht mehr nur einzelne Mannschaften, sondern das Geschehen der Liga insgesamt in den Mittelpunkt gerückt werden.
Zum Auftakt übernehmen WGM Josefine Safarli und WCM Katharina Reinecke die Kommentierung. Ergänzend bleiben die Vereinsübertragungen bestehen. So wird der SC Viernheim weiterhin regelmäßig mit Zaragatski und Valkova auf Sendung gehen. Auch der FC Bayern ist am ersten Wochenende vertreten: GM und Bundesliga-Rekordspieler Klaus Bischoff kommentiert die Partien aus München, wo MSA Zugzwang als Gastgeber des Spieltags fungiert.
Damit entsteht erstmals ein breiteres Nebeneinander aus zentraler und vereinsbezogener Berichterstattung. Für eine Liga mit zahlreichen Großmeistern und Weltklassespielern ist das ein wichtiger Schritt: Die Bundesliga soll nicht mehr nur über Ergebnisse und Tabellen wahrgenommen werden, sondern auch während der laufenden Partien erlebbar sein.
Viernheim gegen Baden-Baden – das Duell beginnt indirekt
Der Titelverteidiger SC Viernheim und die OSG Baden-Baden treffen erst im April direkt aufeinander. Trotzdem beginnt das Duell um die Meisterschaft bereits am ersten Wochenende.
Viernheim empfängt am Freitag den Aufsteiger SV Erkenschwick. Am Samstag geht es beim SC Heimbach-Weis-Neuwied weiter, am Sonntag wartet Werder Bremen. Baden-Baden startet gegen Solingen, empfängt am Samstag Remagen Sinzig und spielt am Sonntag in Deggendorf.
Auf dem Papier haben beide Favoriten lösbare Aufgaben. Gerade deshalb könnte es darauf ankommen, wer ohne unnötigen Punktverlust durch die drei Runden kommt.
Viernheim geht mit einem weitgehend stabilen Spitzenkader in die Saison. Nodirbek Abdusattorov, Jan-Krzysztof Duda, Jorden van Foreest und Shakhriyar Mamedyarov bilden weiterhin eine außergewöhnlich starke Spitze. Aydin Suleymanli ersetzt Yagiz Kaan Erdogmus. Mit einem durchschnittlichen Rating von 2692,6 liegt Viernheim zwar hinter Baden-Baden, doch der Meister hat bereits in der vergangenen Saison gezeigt, dass der Abstand auf dem Papier am Brett nicht zwangsläufig sichtbar wird.
Baden-Baden hat nominell sogar noch mehr Qualität. Fabiano Caruana, Javokhir Sindarov, Vincent Keymer, Viswanathan Anand und Maxime Vachier-Lagrave gehören zu den prominentesten Namen. Dazu kommen Blübaum und Kollars, die vom aufgelösten Spitzenteam der SF Deizisau zur OSG gewechselt sind. Der Verein hat damit auf die Erfahrungen der vergangenen Saison reagiert, in der einige Weltklassespieler kaum oder gar nicht eingesetzt wurden.
Ein Meisterschaftsrennen mit offenem Ausgang
Die Ausgangslage ist damit ungewöhnlich klar und zugleich offen. Baden-Baden führt die Setzliste an, Viernheim ist Titelverteidiger. Dahinter klafft nominell eine Lücke, doch Mannschaften wie St. Pauli, Bayern München und Werder Bremen können zumindest einzelne Spitzenmannschaften vor erhebliche Probleme stellen.
St. Pauli ist dabei der auffälligste Name. Magnus Carlsen steht an Position eins der Meldeliste, Richard Rapport an Position zwei. Mit Venkatesh Pranav kommt ein weiterer starker Großmeister hinzu. Ob Carlsen tatsächlich regelmäßig eingesetzt wird, ist allerdings nicht absehbar. Gerade diese Frage könnte im Saisonverlauf erheblichen Einfluss darauf haben, wie weit St. Pauli tatsächlich nach oben kommt.
Zum Auftakt geht es zunächst gegen MSA Zugzwang. Am Samstag folgt das Duell mit dem Hamburger SK, am Sonntag spielt St. Pauli gegen den FC Bayern. Damit könnte sich bereits nach drei Runden zeigen, ob der ambitionierte Hamburger Verein den Kontakt zur Spitzengruppe herstellen kann.
Neue Namen sorgen für zusätzliche Aufmerksamkeit
Eine der interessantesten Personalien spielt allerdings nicht bei einem Meisterschaftsfavoriten. Faustino Oro läuft für Werder Bremen auf. Der Argentinier ist der zweitjüngste Großmeister der Schachgeschichte und gehört zu den außergewöhnlichsten Nachwuchsspielern der Gegenwart. Werder beginnt gegen Heimbach-Weis-Neuwied, spielt am Samstag gegen Erkenschwick und trifft am Sonntag auf den Meister Viernheim.
Damit kommt es am dritten Spieltag zu einer besonders interessanten Konstellation: Der junge Oro könnte dann auf der anderen Seite des Tisches einer der stärksten Mannschaften Europas gegenübersitzen. Für Werder ist der Saisonauftakt insgesamt anspruchsvoll, aber zugleich eine gute Gelegenheit, sich früh im oberen Bereich der Tabelle zu positionieren.
Die Aufsteiger müssen sofort Farbe bekennen
Für die drei Aufsteiger ist die Situation noch einmal anders. Erkenschwick bekommt es am Freitag direkt mit dem Titelverteidiger zu tun. Am Samstag folgt Werder, am Sonntag Heimbach-Weis-Neuwied. Ein einfaches Auftaktprogramm sieht anders aus.
Auch Remagen Sinzig wird am ersten Wochenende gefordert. Nach dem Spiel gegen Deggendorf folgt am Samstag Baden-Baden, bevor am Sonntag Solingen wartet. Das Team bringt mit Vasyl Ivanchuk ein außergewöhnliches Spitzenbrett mit. Der ukrainische Weltklassespieler gehört zu den erfahrensten Spielern des gesamten Feldes und verleiht dem Aufsteiger zusätzliche internationale Aufmerksamkeit.
Bad Mergentheim startet ebenfalls mit drei unterschiedlichen Aufgaben: zunächst Düsseldorf, dann Berlin und anschließend Kirchweyhe. Gerade im Kampf um den Klassenerhalt können solche ersten drei Runden bereits wertvolle Mannschaftspunkte bringen.

Das neue Format verändert den Blick auf die Saison
Die Reform der Bundesliga wird deshalb schon am ersten Wochenende sichtbar. Drei Runden an einem einzigen Termin sind mehr als eine organisatorische Änderung. Die Vereine müssen ihre Kader anders planen, die Spieler müssen sich auf eine höhere Dichte einstellen und die Teams können innerhalb weniger Tage bereits sechs Mannschaftspunkte gewinnen – oder verlieren.
Gleichzeitig bleibt genügend Zeit für Korrekturen. Nach dem Auftaktwochenende folgt im November der zweite Dreierblock, danach geht es im Februar und März weiter. Die letzten drei Runden werden Anfang April zentral in Neuwied ausgetragen. Dort soll sich schließlich entscheiden, wer Meister wird und welche Mannschaften den Gang in die niedrigere Spielklasse antreten müssen.



