Noch eine Duftmarke: Aufsteiger Lingen bleibt oben dran

Erstellt am: 07.12.2019
Luis Engel || Foto: Hamburger SK

Womöglich wird sich Meisterschaftsfavorit Baden-Baden nach dem heutigen Sieg über Solingen seinen engsten Verfolger Runde für Runde aus nächster Nähe anschauen können. Reisepartner Deizisau steht nach einem Kantersieg über Mülheim Nord nun ebenfalls bei 6:0 Punkten. Nur der SV Werder Bremen kann mit diesen beiden mithalten, musste aber für sein 4,5:3,5 über Speyer-Schwegenheim hart arbeiten. Aufsteiger SV Lingen hat derweil eine weitere Duftmarke gesetzt: Sieg über die starken Hockenheimer, einer, den wir gerne mit drei Diagrammen garnieren.

Hamburg

Hamburger SK – SC Viernheim 4:4 
SG Turm Kiel – Aachener SV 7:1
 
Gleich zum Auftakt gegen Hockenheim hatte Meisterschaftskandidat Viernheim Federn gelassen, nun reichte es gegen Hamburg nur zu einem 4:4. An der nominellen Stärke der Hamburger lag das eher nicht, an der effektiven Stärke durchaus. Zwei Punkte aus drei Partien holten die ohne Duda und Sarin spielenden Hamburger an den ersten drei Brettern, an denen den hanseatischen 2500+-Großmeistern gefühlte 2700er gegenübersaßen. Luis Engel (Brett 3) organisierte in scheinbar bedrängter Lage einen wuchtigen Angriff gegen den König von Igor Kovalenko, brach durch, zwang seinen Gegner zur Aufgabe und hielt seine Mannen im Match. Beim Stande von 4:3 für Viernheim gewann schließlich Sune Berg Hansen ein Damenendspiel gegen Bassem Amin, den besten Spieler des afrikanischen Kontinents.
 
Bassem Amin, stärkster Spieler Afrikas, aber am Samstag nicht der stärkste Spieler in Hamburg. || Foto: Grand Chess Tour
Bassem Amin, stärkster Spieler Afrikas, aber am Samstag nicht der stärkste Spieler in Hamburg. || Foto: Grand Chess Tour
 
Es wäre ein Wunder, würden sie die Klasse halten, die Aachener wussten das schon vor Saisonbeginn. Sehenden Auges stürzen sie sich in das Abenteuer Bundesliga, messen sich nun Runde für Runde mit übermächtigen Gegnern und hoffen, den einen oder anderen zumindest ärgern zu können. Gegen die SG Turm Kiel gelang ihnen das zumindest am fünften Brett, an dem FM Rudolf Meesen dem 300 Elo schwereren GM Jesper Sondergaard Thybo die Dame abklemmte. An den anderen Brettern schlugen sich die Aachener zumindest wacker. Früh zeichnete sich eine Niederlage ab, aber ein 1:7 hätte es nicht werden müssen.
 
Einziger Punkt für Aachen: Nach 26.Db2! +- leidet die schwarze Dame unter Atemnot, es droht Td4. Daran änderte auch 26...De4 27.Kf2 nichts.
Einziger Punkt für Aachen: Nach 26.Db2! +- leidet die schwarze Dame unter Atemnot, es droht Td4. Daran änderte auch 26...De4 27.Kf2 nichts.
 

Dresden

USV TU Dresden – BCA Augusburg 3,5:4,5
SF Berlin – FC Bayern München 4:4
 
Um Punkte gegen den Abstieg kämpften Dresden und Augsburg, und das erbittert in einem ausgeglichenen Match. 2,5:2,5 stand es, dann 3,5:3,5, und dabei blieb es bis fast in die sechste Stunde. Und doch heiterten sich die Mienen der Gäste aus Bayern zusehends auf. Zu Eckhard Schmittdiels schon ausgangs des Mittelspiels eingeheimstem Mehrbauern gesellte sich im Turm- und Läufer-Endspiel noch ein zweiter, so dass der Ausgang dieser letzten Partie kaum in Frage stand. Dresdens Hans Möhn wehrte sich nach Leibeskräften, doch als Schmittdiel einen der Merhbauern zurückgab, dafür zwei verbundene Freibauern bekam, zeichnete sich immer deutlicher ab, dass Augsburg triumphieren und Dresden auch nach drei Runden noch mit null Punkten dastehen würde.
 
Eben dieses wollten die mit 0:4 Punkten gestarteten Bayern sowie die Berliner vermeiden. Recht früh hing es beim Stande von 3,5:3,5 an Jungstar Luca Moroni auf Seiten der Berliner sowie dem Bayern-Urgestein Klaus Bischoff zu klären, wie der Vergleich ausging. Moroni hatte optisch ein wenig Vorteil, doch Bischoff stets genug Gegenspiel, so dass diese Partie nie aus dem Gleichgewicht geriet, bis ein ausgeglichenes Turmendspiel erreicht war, in dem beide Seiten beschlossen, die Kampfeshandlungen einzustellen. 
 
Klaus Bischoff ließ nichts anbrennen. || Foto: Georgios Souleidis
Klaus Bischoff ließ nichts anbrennen. || Foto: Georgios Souleidis
 

Baden-Baden

OSG Baden-Baden – SG Solingen 5,5:2,5
SF Deizisau – SV Mülheim Nord 6,5:1,5
 
Nach einem Fehlstart mit 0:4 Punkten hatte wahrscheinlich kaum jemand in Solingen erwartet, dass nun gegen Serienmeister Baden-Baden die Wende gelingt. Allemal lieferten die Klingenstädter den Baden-Badenern einen mehr als sechsstündigen Kampf, in dem sie allerdings früh mit dem Rücken zur Wand standen. Zwar ließ Markus Ragger am ersten Brett gegen Visvanathan Anand (vier Tage vor dessen 50. Geburtstag) nichts anbrennen, aber Alexander Naumann missriet gegen Jan Gustafsson schon die Eröffnung, und Erwin L’Ami geriet gegen Radoslaw Wojtaszek bald in ein nur auf den ersten Blick unschuldiges symmetrisches Endspiel, das sich als zunehmend unangenehm entpuppte. Und dann auch noch der Aussetzer von Jan Smeets, der gegen Sergej Mosvesian bis zu dieser Stelle eine Glanzpartie gespielt hatte:
 
"Figur eingestellt" urteilten die Beobachter und ihre Engines nach 39.Tf4. In Wirklichkeit hatte Smeets wahrscheinlich angenommen, dass nach 39...Txf4 40.Dxf4 Kxe7 41.Df7+ usw. sein g-Bauern durchläuft. Das entpuppte sich allerdings als Fehlkalkulation.
"Figur eingestellt" urteilten die Beobachter und ihre Engines nach 39.Tf4. In Wirklichkeit hatte Smeets wahrscheinlich angenommen, dass nach 39...Txf4 40.Dxf4 Kxe7 41.Df7+ usw. sein g-Bauern durchläuft. Das entpuppte sich allerdings als Fehlkalkulation.
 
2:5 stand es schließlich aus Solinger Sicht, und da war es dann fürs Ergebnis egal, dass Loek van Wely sein Endspiel mit Mehrqualität nach langem Kampf und mehr als 100 Zügen gegen Alexei Shirov nicht gewann, aber es spiegelte den Kampfgeist, der in der bei nun 0:6 stehenden Solinger Mannschaft schlummert.  
 
Nach dem 6,5:1,5 der SF Deizisau gegen den SV Mülheim Nord zeichnet sich ab, dass die Baden-Badener ihren engsten Verfolger Runde für Runde aus nächster Nähe beobachten können, da es sich um ihren Reisepartner handelt. Auch wenn sich für Deizisau am ersten Brett Peter Leko früh in ein Remis mit Schwarz fügen musste, war das Match gegen Mülheim eine eher einseitige Angelegenheit. 
 

Lingen

SV Lingen – SV Hockenheim
SV Werder Bremen – SG Speyer-Schwegenheim
 
Der SV Lingen untermauerte seine Stellung als Aufsteiger, mit dem zu rechnen ist. 4,5:3,5 besiegten die Lingener den SV Hockenheim, der durchaus nicht mit einer Rumpftruppe angetreten war. Auch dass auf Seiten der Lingener Falko Bindrich eine frühe Katastrophe unterlief, konnte die Niedersachsen nicht stoppen.
 
Rumms! Bindrichs 15...Lc8 war ein arges Übersehen. Nach Arik Brauns 16.Sxd5 ist die schwarze Lage schon verzweifelt.
Rumms! Bindrichs 15...Lc8 war ein arges Übersehen. Nach Arik Brauns 16.Sxd5 ist die schwarze Lage schon verzweifelt.
 
Andrei Volotikin machte diesen Lapsus sogleich auf brillante Weise wett. 
 
24.d4! und Weiß gewinnt: Volotikins Idee ist, den Bauern f6 dem Zugriff der schwarzen Dame zu entziehen. Weiß wird Dh6, Te3 und Sg5 folgen lassen, dagegen ist Schwarz nun machtlos.
24.d4! und Weiß gewinnt: Volotikins Idee ist, den Bauern f6 dem Zugriff der schwarzen Dame zu entziehen. Weiß wird Dh6, Te3 und Sg5 folgen lassen, dagegen ist Schwarz nun machtlos.
 
Womöglich davon beflügelt zeigte am achten Brett Altmeister Lev Gutman gegen 2620-GM Tamas Banusz, was taktisch in ihm steckt.
Und so müssen sich nun die Hockenheimer in der Tabelle erst einmal hinten anstellen.
 
Es ist nicht auf den ersten Blick offensichtlich, aber stimmt wirklich: Nach Gutmans 34.Sc6! hat Schwarz keine Ausrede mehr, Weiß gewinnt.
Es ist nicht auf den ersten Blick offensichtlich, aber stimmt wirklich: Nach Gutmans 34.Sc6! hat Schwarz keine Ausrede mehr, Weiß gewinnt.
 
Nach drei Spieltagen kann einzig der SV Werder Bremen mit der Reisegruppe aus Baden-Baden und Deizisau mithalten. Allerdings bedurfte es eines harten, sechsstündigen Kampfes, um den Aufsteiger aus Spyer mit 4,5:3,5 niederzuhalten.
 

Alle Partien nachspielen auf unserem Liveportal - hier klicken

 


Über den Autor

Bild des Benutzers Conrad Schormann

Conrad Schormann, gelernter Tageszeitungsredakteur, betreibt in Überlingen am Bodensee ein Büro für Redaktion und Kommunikation. Beruflich hilft er Unternehmen, Verbänden oder Parteien bei der Außendarstellung. Ambitioniertes Schach hat er mangels Talent und Trainingseifer aufgegeben und auf Schach-Fan umgesattelt. Manchmal guckt er nicht nur zu, sondern schreibt auch noch darüber, in erster Linie auf seinem Blog, außerdem für ChessBase, die RochadeEuropa und die Schachbundesliga.