Der 12. Schachweltmeister kann es noch

Erstellt am: 15.10.2016

Am ersten Spieltag der Saison 2016/17 setzten sich in der Mehrzahl die Favoriten durch. Solingen und Baden-Baden gewannen klar, Hockenheim siegte mit Anatoly Karpov locker gegen Hamburg, doch Schwäbisch Hall gab einen Punkt gegen Trier ab. Nominell war Hall aber nur leicht favorisiert. Wir fassen die Höhepunkte an den Spielorten Solingen, Schwäbisch Hall, Hamburg und München zusammen.

Die SG Solingen startete mit einem wichtigen Sieg in die Saison 2016/17. Gegen die starken Schachfreunde aus Berlin glückte dem deutschen Meister zu Hause ein 5,5:2,5. Die Klingenstädter wollten offensichtlich nichts dem Zufall überlassen und setzten an den ersten drei Brettern ihre Top-Großmeister Harikrishna, Rapport und Ragger ein, während Berlin auf einige Spitzenkräfte verzichtete. Der Kampf wurde allerdings an den drei hinteren Brettern entschieden. Hier gewannen alle drei Solinger Großmeister ihre Partien gegen drei Internationale Meister auf der anderen Seite. Zwar hatte Alexander Naumann Glück, da sein Gegner Mikael Agopov in Gewinnstellung Material einstellte, doch die Siege an den Brettern sechs und insbesondere acht waren für die Hausherren verdient.

Andersen,Mads (2535) - Thiede,Lars (2420)
SBL 1617, SG Solingen - SF Berlin, 15.10.2016


Stellung nach 20...De7:

21.Dxe5! Das hatte Schwarz bestimmt noch gesehen und hoffte auf die Riposte 21...Dxg5 , doch nach 22.Sxe4+- hatte er neben der schlechten Stellung auch noch einen Bauern weniger. Der Rest war leicht für die dänische Nachwuchshoffnung. 22...Dh5 23.Sd6 Le6 24.Sxb7 Ld5 25.Lxd5 Tae8 26.Dd4 cxd5 27.Sd6 Te7 28.Tac1 g5 29.c6 Tc7 30.Dxd5 f4 31.exf4 1-0

Mads Andersen | Foto: Guido Giotta
Mads Andersen | Foto: Guido Giotta

Im parallel ausgetragenen Kampf siegte der SV Mülheim Nord souverän mit 6,5:1,5 gegen König Tegel. Das Ergebnis entspricht dem Kräfteverhältnis zwischen diesen Teams. Sehenswert ist, wie David Navara am Spitzenbrett seinen Gegner zur Aufgabe zwang.

René Stern gegen David Navara | Foto: Guido Giotta
René Stern gegen David Navara | Foto: Guido Giotta

Schwäbisch Hall leistet sich Punktverlust

Der Kampf zwischen Schwäbisch Hall und Trier war der einzige, in dem sich kein Spieler gegen seinen Gegner durchsetzen konnte. Viele der Partien endeten schnell nach Überschreitung der 20-Züge-Marke und so stand es nach drei Stunden schon 2,5:2,5. Die einzige Partie, in der so etwas wie Spannung aufkam, fand an Brett sechs statt. Hier verpasste insbesondere Matthieu Cornette gute Chancen auf einen Sieg, doch auch Benjamin Gledura hätte am Ende für eine Wende sorgen können.

Cornette,Matthieu (2599) - Gledura,Benjamin (2585)
SBL 1617, SK Schwäbisch Hall - SG Trier, 15.10.2016


Stellung nach 28.dxe4:

Das ist eine spannende Stellung. Weiß hat eine Qualtät mehr, doch beide Könige sind anfällig. 28...Sh5? 28...Sd7! hätte Weiß vor Problemen gestellt. Laut Stockfish 7 hätte Weiß 29.Txf7! Se5 30.Txg7+! Kxg7 31.f6+ Kf8 32.Df4 Sf7 33.Dg4 Sg5 34.Tf5! finden müssen, um im Spiel zu bleiben. Am Brett ist ist freilich noch viel Potential für Fehler. 29.Dxh5? Das führt zum Dauerschach. Es gewannen mehrere Züge, z.B. 29.f6! De5+ 30.Kg1 Sxf6 31.Txf7 Sxe4 32.Txg7+! Dxg7 33.Dxe4+ Kh8 34.De8+ Dg8 35.Tf8 Txg2+ 36.Kf1!+- 29...Dxf1 30.Dg4 Ta1 31.Txf7 Dg1+ 32.Kg3 De1+ ½-½

Am Ende lief noch die Partie an Brett sieben zwischen Laszlo Gonda und Matthias Womacka. Der für die Trierer spielende Ungar hatte in einem Turmendspiel einen Bauern weniger, doch die aktiveren Figuren. Da sich kein Spieler einen Fehler erlaubte, endete diese Partie als letzte zum 4:4.

Der USV TU Dresden startete gegen den Aufsteiger DJK Aachen als Favorit und wurde seiner Rolle mit einem 4,5:3,5 gerecht. Das Ergebnis täuscht etwas über den Kampfverlauf hinweg, denn der Sieg stand beim 4:1 und einem remisen Turmendspiel an Brett zwei frühzeitig fest. Am Ende sorgten Ilja Zaragatski und Christian Braun für eine kosmetische Korrektur. Auf Dresdner Seite gelang Bartosz Socko ein sehenswerter Abschluss.

Socko,Bartosz (2595) - Hoffmann,Michael (2471)
SBL,  USV TU Dresden - DJK Aachen, 15.10.2016


Stellung nach 30...Ta7:

Schwarz gewinnt den d-Bauern und scheint zurück im Spiel zu sein, doch Weiß hat noch einen Pfeil im Köcher. 31.Tc3! Nutzt den geschwächten schwarzen Königsflügel aus. 31...Taxd7 32.Tg3+ Kh6 33.Txd7! Txd7 33...Dxd7 34.Dxf6+ Kh5 35.Dg5# 34.Tf3! Td1+ 35.Kh2 Dg5 36.h4! Schwarz gab auf, der entweder die Dame geben muss oder matt gesetzt wird. 1-0

Bartosz Socko | Foto: Georgios Souleidis
Bartosz Socko | Foto: Georgios Souleidis

Karpov in Hamburg

Zur Überraschung vieler Anwesenden tauchte Anatoly Karpov zur ersten Runde in Hamburg auf, um für die SV Hockenheim am Spitzenbrett zu spielen.

Anatoly Karpov | Foto: Georgios Souleidis
Anatoly Karpov | Foto: Georgios Souleidis

In der Vergangenheit agierte der 12. Schachweltmeister nur ab und an zu Hause für die Rennstädter. Neben Karpov brachte Teamchef Blerim Kuci eine bombenstarke Mannschaft in die Hansestadt, auch im Hinblick auf das Spitzenspiel gegen Werder Bremen am Sonntag. Der Hamburger SK wehrte sich gegen acht Großmeister nach Kräften und schaffte immerhin fünf Remis. Für Hockenheim punkteten Anatoly Karpov, Csaba Balogh und Arik Braun. Karpov profitierte am Spitzenbrett nach ausgeglichenem Verlauf von einem Fehler Kempinskis, wonach es schnell vorbei war. Eine kurze Analyse zu dieser Partie gibt es auf Chessbase. Interessant verlief ein Endspiel an Brett acht.

Heinemann,Thies (2466) - Braun,Arik (2579)
SBL, Hamburger SK - SV Hockenheim, 15.10.2016


Stellung nach 48.g4:

48...Txf4!? Ein interessantes Qualitätsopfer, auch wenn 48...Tf7 objektiv wahrscheinlich besser war. 49.Txf4 Th2+ 49...Lxe5 50.Tf3 Th2+ 51.Kf1 Txb2 52.Te3 Lf4 53.Te2 Txe2 54.Kxe2 war präziser, auch wenn sich Weiß halten können sollte. 50.Ke3 Txb2 51.Tdf1? Der entscheidende Fehler. Weiß musste den Bauern e5 mit 51.Kd4! verteidigen. Nach 51...Te2 (51...Lb6+ 52.Kd3 Lc7 53.Kd4 sieht nach Zugwiederholung aus.) 52.Kc5! Lxe5 53.Tf3 Tc2 54.Tdf1 Txc3+ 55.Kxb5 hat Weiß seine Figuren aktiviert und sollte genug Gegenspiel besitzen. 51...Lxe5 52.Tf7+ Kd6 53.Ta7?! Lxc3-+ Schwarz hat jetzt einfach zu viel Material. 54.Kd3 Tb3 55.Ta6+ Ke5 56.Tf7 d4 57.Txg7 Tb2 58.Tg5+ Kf4 0-1

Arik Braun | Foto: Georgios Souleidis
Arik Braun | Foto: Georgios Souleidis

Werder Bremen startete mit einem glatten Sieg gegen den SV Griesheim in die Saison. Dieser fiel mit 6,5:1,5 aber zu hoch aus, denn an manchen Brettern spielten die Großmeister von der Weser mit dem Feuer. Romain Edouard hätte nach "kreativer" Eröffnungsbehandlung ausgekontert werden können und Luke McShane hatte Glück, dass sein Gegner die angeboteten Geschenke nicht so richtig annehmen wollte. Erst stellt der Engländer einfach einen Bauern ein, kämpfte sich aber zurück, bevor die Partie folgendermaßen endete:

McShane,Luke J (2671) - Jarmula,Lukasz (2466)
SBL, SV Werder Bremen - SV Griesheim, 15.10.2016


Stellung nach 51.Txb7:

Weiß hat kaum Material für den Läufer, doch die schwarzen Bauern stehen so schlecht, dass der Nachziehende es ist, der aufpassen muss. 51...Tc8? Und schon ist es geschehen. 51...Ta8 Passiv oder 51...Td8 aktiv musste geschehen, z.B. 52.b5 axb5 53.a6 Td2+ 54.Ke1 Ta2 55.a7 Ld2+ 56.Kf1 Lxc3 57.Tb8+ Kg7 58.a8D Txa8 59.Txa8 b4= 52.b5! Na klar. Weiß schafft sich einen entfernten Freibauern, der nur unter Opfern aufzuhalten ist. 52...axb5 53.a6 Ta8? Nach diesem weiteren Fehler gewinnt Weiß durch die Annäherung des weißen Königs. Nach 53...Txc3! 54.a7 Tc2+ 55.Kd3 Td2+ 56.Kc3 Ta2 57.Tb8+ Kg7 58.a8D Txa8 59.Txa8 kann Schwarz deutlich mehr Widerstand leisten. 54.a7 Ld8 55.Kd3!+- Der weiße König kommt zur Unterstützung. Schwarz ist machtlos. 55...Kg8 56.Kc2 Kf8 57.Kb3 g5 58.g4 Ke8 59.Kb4 Le7+ 60.Kxb5 Kf7 61.Ka6 Kf6 62.Tb8 1-0

Luke McShane | Foto: Georgios Souleidis
Luke McShane | Foto: Georgios Souleidis

Speyer-Schwegenheim feiert ersten Bundesligasieg

In München sahen die Zuschauer einen einseitigen und einen spannenden Kampf. Die OSG Baden-Baden konnte es sich leisten ihr Jugendbrett einzusetzen und gewann trotzdem locker mit 6:2 gegen Gastgeber Bayern München. Einen kurzen Arbeitstag hatte Jan Gustafsson an Brett sieben.

Gustafsson,Jan (2628) - Reich,Thomas (2349)
SBL. FC Bayern München - OSG Baden-Baden, 15.10.2016


Stellung nach 31.Tb1:

31...Sc6?? Ein Rechenfehler. 31...Dd8! war gut mit der Idee 32.Sxa7 Da8 33.Ta1 Sxc4! 34.Sc6! De8! 35.Lxc4 (35.Sxe7+? Dxe7 36.Lxc4 Lxa1 37.Dxa1? De4+ 38.Kg1 Dxc4-+) 35...Lxa1 36.Dxa1 Te4 37.Ld3 Tg4+ 38.Kf1 Th4 mit Gegenspiel gegen den weißen König. 32.dxc6 Txe2 33.Sc3! Schwarz verliert Material, da beide Schwerfiguren hängen. 33...Ld4 34.Txb6 Txf2+ 35.Kh3 1-0

Jan Gustafsson
Jan Gustafsson | Foto: Georgios Souleidis

Im Duell der Aufsteiger setzte sich die SG Speyer-Schwegenheim gegen MSA Zugzwang München mit 4,5:3,5 durch. Speyer-Schwegenheim ging mit 2,5:0,5 in Führung, doch ein hart erkämpfter Sieg an Brett sechs brachte München wieder heran, bevor Gabor Kovacs den Sack für die Gäste zumachte. Mitentscheidend für den Erfolg war auch der Sieg am Spitzenbrett von Arturs Neiksans gegen Stefan Bromberger.

Neiksans,Arturs (2628) - Bromberger,Stefan (2535)
SBL, MSA Zugzwang München - SG Speyer-Schwegenheim, 15.10.2016


Stellung nach 27.Tb3:

27...Ta8? 27...Ta6! mit intakten Verteidigungschancen hätte geschehen müssen. 28.Txd3! Weiß nutzt jetzt den Röntgenblick seines weißfeldrigen Läufers auf g2 in Richtung der zwei schwarzen Türme aus. 28...exd3 29.Sxd5 Tca6 30.Sxf6+ Sxf6 31.Lxa8 Txa8 32.a5 Weiß hat sein Material zurück und gewinnt dank des entfernten Freibauern. 32...Sd5 33.Ld2 Sb6 34.Tc1 1-0

Am 16. Oktober geht es weiter mit der 2. Runde der Saison 2016/17. Wer siegt im Spitzenkampf zwischen Hockenheim und Bremen und holt sich Speyer-Schwegenheim gegen Bayern München den zweiten Saisonsieg? Das sind nur zwei Fragen, die am Sonntag beantwortet werden.

Einzelergebnisse 1. Runde
Alle Partien nachspielen auf dem Liveportal



Über den Autor

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Georgios Souleidis ist Internationaler Schachmeister und hat in Bochum Publizistik und Kommunikationswissenschaft studiert. Er arbeitet als Journalist, Autor und Schachtrainer. Er schreibt u.a. als Chefredakteur für die Schachbundesliga, für Chessbase, die Zeitschrift SCHACH, SPIEGEL ONLINE oder die Deutsche Presse-Agentur. Falls er mal nicht schreibt oder Training gibt, versucht er aktiv am Brett zu beweisen, dass 1. e2-e4 der beste Eröffnungszug ist.