Bundesliga, Runde 2: Baden-Baden schon vorne, Aachen hinten

Erstellt am: 24.11.2019
Nikita Vitiugov || Foto: World Cup

Fünf mit weißer Weste, fünf mit null Punkten. Nach zwei Spieltagen Bundesliga ist es zu früh, von Vorentscheidungen zu sprechen, aber einige Tendenzen zeichnen sich deutlich ab. Die Hockenheimer, angeführt von Nikita Vitiugov (Foto oben vom World Cup) meinen es ernst. Nach einem Sieg über die starken Viernheimer sind die Hockenheimer vorerst diejenigen, auf die die Baden-Badener auf dem Weg zur Titelverteidigung besonders achten müssen. Solingen ohne Giri hat den Saisonstart verpatzt, Bremen ist auf der Erfolgsspur. Und für Aachen, das ist keine Überraschung, entpuppt sich die stärkste Liga der Welt als ganz hartes Brot.

Speyer-Schwegenheim

SC Viernheim – SV Hockenheim 3,5:4,5
Aachener SV – SG Speyer-Schwegenheim 2:6
 
Wer wird dem deutschen Serienmeister Baden-Baden den Titel streitig machen? Eine der zentralen Fragen vor der Saison, auf die die der SV Hockenheim am zweiten Spieltag eine erste Antwort gegeben hat. Sowohl dem SC Viernheim als den Hockenheimern war zuzutrauen, bei der Titelvergabe ein Wörtchen mitzureden. Nun sollten diese beiden gleich am zweiten Spieltag aufeinandertreffen.
 
Mit dem besseren Ende für Hockenheim, angeführt von Nikita Vitiugov. Knapp war es, und zumindest ein Punkt war für die nominell etwas schwächeren Viernheimer bis in die fünfte Stunde greifbar. 3,5:3,5 stand es, und am achten Brett wehrte sich Viernheims IM Maximilian Meinhardt in einem schlechteren, aber eben nicht hoffnungslosen Doppelturmendspiel mehr als 80 Züge lang gegen den mehr als 200 Elo besser bewerteten David Baramidze – der sich letztlich durchsetzte und damit vorläufig seine Hockenheimer zum heißesten Baden-Baden-Verfolger machte.
 
David Baramidze | Foto: Guido Giotta
 
Den Aachener SV scheint derweil das Schicksal zu ereilen, das ihm alle Schachpropheten vorhergesagt haben: Die Bundesliga wird für die freundliche Amateurtruppe aus dem Westen eine Nummer zu groß sein. 2:6 unterlagen die Aachener im Aufsteigerduell gegen die SG Speyer-Schwegenheim.
 

Bremen

SG Solingen – SV Lingen 3,5:4,5
SV Mülheim Nord – SV Werder Bremen 3:5
 
Jubel in Bremen, lange Gesichter in Solingen. Beide Europacup-Kandidaten hatten vor dem gemeinsamen Spieltag in Bremen nicht erwartet, dass sich derart die Spreu vom Weizen trennt: Bremen gewinnt wieder und steht nun mit vier Punkten da, Solingen verliert wieder und steht bei null.
 
„Ich bin natürlich sehr zufrieden“, sagte Bremens Coach Jonathan Carlstedt nach einem hart erkämpften Sieg über Mülheim Nord. „Vor der Saison hatten wir gesagt, dass wir nach Europa wollen, und dabei bleibt es.“ Gegen Mülheim machten die Bremer das Beste aus ihren Möglichkeiten: Die kritischen Partien hielten sie, die günstigen gewannen sie, und so stand am Ende ein 5:3.
 
Während die Solinger an diesem Wochenende das Fehlen ihres Spitzenmannes Anish Giri bitter zu spüren bekamen, schnuppern die Denksportler vom SV Lingen erst einmal Höhenluft, haben nun ihrerseits Anlass, über eine Reise zum Europacup 2020 nachzudenken. Zu den Matchwinnern in Reihen der Niedersachsen gehört wieder Schach-Dauerbrenner Vladimir Epishin, der wie am Vortag mit einem geduldig herausgespielten Endspielsieg die zwei Punkte unter Dach und Fach brachte.
 
Vladimir Epishin || Foto: Grenke Chess
Vladimir Epishin || Foto: Grenke Chess
 

Deizisau

USV TU Dresden – OSG Baden-Baden 2:6
SF Berlin – SF Deizisau 2,5:5,5
 
Nach nur zwei Spieltagen steht der Deutsche Meister Baden-Baden da, wo er die vergangene Serie abgeschlossen hat und auch am Ende der aktuellen wieder stehen möchte: ganz oben. Auch gegen die nicht in Bestbesetzung spielenden Dresdner gelang den Baden-Badenern ein Kantersieg.
 
Pikant die Begegnung am vierten Brett: der ehemalige Bundestrainer Uwe Bönsch in Diensten der Dresdner bekam es mit der ehemaligen deutschen Nummer eins Arkadi Naiditsch zu tun. Und diese beiden sind während ihrer gemeinsamen Zeit bei der deutschen Nationalmannschaft eher nicht beste Freunde geworden. Bönsch wird sein Sieg süß geschmeckt haben – zumal er mit einem hübschen taktischen Ende garniert war. An der deutlichen Schlappe der Dresdner änderte das freilich nichts.
 
38.a6! Txb6 39.a7! und der ehemalige Bundestrainer gewann gegen die ehemalige deutsche Nummer eins.
38.a6! Txb6 39.a7! und der ehemalige Bundestrainer gewann gegen die ehemalige deutsche Nummer eins.
 
Sollte sich am Ende Baden-Badens Brudertruppe aus Deizisau als einer der ersten Verfolger entpuppen?  Nach zwei Spieltagen und zwei 5,5:2,5-Siegen stehen sie jedenfalls einen halben Brettpunkt hinter den Baden-Badenern auf Rang zwei der noch jungen Tabelle.
 
Dieses Mal mussten die SF Berlin dran glauben. An den oberen vier Brettern knöpften die Mannen aus der Hauptstadt den Deizisauern zwar ein 2:2 ab, aber an den unteren vier war nur ein halber Punkt drin. Die Berliner haben nach zwei Niederlagen gegen die Nummer eins und zwei der Tabelle nun ihre Standortbestimmung bekommen. Erst einmal gilt es, Punkte gegen den Abstieg zu sammeln.
 

Augsburg

Hamburger SK – FC Bayern München 5,5:2,5
SG Turm Kiel – BCA Augsburg 4:4
 
Im Fußball war Hamburg versus München ein Klassiker, bis die Truppe aus dem Norden sich in die zweite Liga verabschiedete. Im Schach könnte Hamburg gegen München wieder ein Klassiker werden, wenn sich die Truppe aus dem Süden in der Bundesliga etablieren kann.
 
Schachbundesliga in Augsburg.|| Foto: Peter Baudrexel
Schachbundesliga in Augsburg.|| Foto: Peter Baudrexel
 
Beim Kampf Hamburg-München stand dieses Mal besonders die Partie an Brett eins im Fokus. Dort spielte für München der Neuzugang Niclas Huschenbeth, ein Ur-Hamburger, den die Münchner mit dem Angebot gelockt hatten, am ersten Brett in der stärksten Liga der Welt zu spielen. Huschenbeth, der sportlich zuletzt zugelegt hat und noch mehr will, kommt so eine Herausforderung gerade recht. Das wird auch nach einem Wochenende gelten, das er mit zwei Nullen abschloss. Wie am Vortag gegen Kiels Demchenko setzte es am Sonntag gegen Hamburgs Grandelius eine Niederlage. Schon im frühen Mittelspiel war Huschenbeth die Partie entglitten, und er vermochte sie nicht zu retten.
 
Niclas Huschenbeth (rechts) grübelt, Mannschaftskamerad Klaus Bischoff (stehend) schaut skeptisch. || Foto: Peter Baudrexel
Niclas Huschenbeth (rechts) grübelt, Mannschaftskamerad Klaus Bischoff (stehend) schaut skeptisch. || Foto: Peter Baudrexel
 
Hamburg hat das Fehlen seiner Superstars Duda und Sarin sowie den Abgang von Huschenbeth trefflich verkraftet. Nach dem ersten Doppelspieltag zählen die Hamburger zu jenen fünf Teams, die mit weißer Weste ganz vorne stehen. Die Bayern hingegen sind mit null Punkten Teil des Quintetts am Ende. Noel Studer, einer von drei Schweizern in der Bayern-Mannschaft, gibt sich dennoch optimistisch: „Wir kämpfen weiter, und ich glaube, dass wir gute Chancen haben drinzubleiben“, teilte Studer nach einem Wochenende mit, dass er mit etwas glücklichen 1,5/2 abschloss.
 
Kiel und Augsburg teilten die Punkte. Sechs Remisen im Mittelbau standen entschiedene Partien am ersten und achten Brett gegenüber. Augsburgs Evgeny Postny besiegte Anton Demchenko, Kiels Ashot Parvanyan, seines Zeichens Europameister mit der deutschen Jugendnationalmannschaft, triumphierte über Andreas Rupprecht.
 


Über den Autor

Bild des Benutzers Conrad Schormann

Conrad Schormann, gelernter Tageszeitungsredakteur, betreibt in Überlingen am Bodensee ein Büro für Redaktion und Kommunikation. Beruflich hilft er Unternehmen, Verbänden oder Parteien bei der Außendarstellung. Ambitioniertes Schach hat er mangels Talent und Trainingseifer aufgegeben und auf Schach-Fan umgesattelt. Manchmal guckt er nicht nur zu, sondern schreibt auch noch darüber, in erster Linie auf seinem Blog, außerdem für ChessBase, die RochadeEuropa und die Schachbundesliga.