Ein junger Großmeisterschreck und ein Eröffnungshammer: Streiflichter aus Dortmund

Erstellt am: 19.03.2016

Am vergangenen Bundesliga-Wochenende in Dortmund gab es sportlich zwar keine Überraschungen, aber dennoch ein paar sehr interessante Momente zu beobachten. Wir haben zwei davon für Sie herausgepickt.

Sehr beeindruckt hat insbesondere der erst 16-jährige Kevin Schröder (SC Hansa Dortmund) in der 10. Runde gegen GM Florian Handke (Solingen). Kevin, der mit gerade einmal 2175 ELO zu Buche steht, setzte den um rund 350 Punkte schwereren Großmeister von Anfang an schwer unter Druck und erreichte schließlich folgende Stellung:

Schröder - Handke, Stellung nach 35...Txa2

Das Material ist ausgeglichen, doch Weiß ist am Drücker aufgrund seines starken Läuferpaares, seiner besser postierten Figuren und insbesondere wegen des verirrten Springers auf e2, der sehr wacklig steht. Gerade diesen Umstand hätte sich der junge Dortmunder nun mit 36.g4!! zunutze machen können: Indem er seinem König ein Luftloch schafft und gleichzeitig dem schwarzen Springer weitere Rückzugsfelder nimmt (f5), droht nun vernichtend ein Abzug des Tc4, wonach der schwarze Turm a2 die Deckung des Springers nicht mehr aufrecht erhalten kann. Schwarz ist überraschend wehrlos, z.B. 36...Ta5 37.Tf7! Td8 38.Lf3 Sc3 39.Txf6! gxf6 40.Txc3 mit entscheidendem Materialgewinn.

Schröder spielte statt dessen das naheliegende 36.Tcc7?! , doch das erlaubte Handke, mit 36...Ta5 37.Lc4 Sc3 38.g4 Sd5 39.Lc5 Sf4! seine Stellung wieder neu zu sortieren und den weißen Vorteil klein zu halten. Sehr beeindruckend war jedoch, wie cool sein junger Gegner blieb, denn gleichwohl sich sein Vorteil verflüchtigt hatte, verlor er nicht den Faden, sondern spielte im Gegenteil weiterhin sehr stark und Handke musste sich weiterhin sehr aufmerksam verteidigen, um das Remis am Ende unter Dach und Fach zu bringen.

Das zweite bemerkenswerte Streiflicht stammt aus der Sonntagsbegegnung Solingen - Mülheim am Brett 5, wo GM Felix Levin auf GM Predrag Nikolic traf. Nikolic spielt bislang eine ganz hervorragende Saison und ist mit 8 aus 10 einer der Garanten für die Solinger Tabellenführung. Wir steigen ein in der Stellung nach dem 8. Zug von Schwarz:

Levin - Nikolic, Stellung nach dem 8. Zug von Schwarz, 8....e7-e5

Der Anziehende hat gegen den Igel des Schwarzen auf frühes d2-d4 verzichtet und statt dessen zunächst e2-e4 durchgesetzt, woraufhin Schwarz mit seinem 8. Zug folgerichtig ein weißes "Nachlegen" mit d2-d4 verhindert hat. Als Levin in dieser Stellung am Zug war, lief ich zufällig gerade an seinem Brett vorbei und fragte mich, wie um alles in der Welt Weiß nun den Zug Te1 rechtfertigen will. Die scheinbar einzig möglichen Hebel sind in dieser Stellung nur noch b2-b4 und f2-f4 und für letzteren wäre der Turm weitaus besser auf f1 gestanden.

Doch Levin dachte gar nicht daran, seinen Turm wieder zurückzustellen, sondern zog das überraschende 9.d4!!, und ließ mich erst einmal staunend die Folgen berechnen. Schade, dass es sich bei diesem tollen Zug nicht um eine Neuerung handelte - in der Datenbank finden sich 12 Partien dazu. Nichtsdestotrotz bleibt es ein klasse Motiv, das dem weißen Aufbau den Sinn erhält. Im Wesentlichen gründet es sich darauf, dass Schwarz noch nicht rochiert hat, was in der Variante 9...exd4? 10.e5! deutlich wird: Nach 10...dxe5 11.Sxe5 hängt sowohl der Lb7 als auch indirekt die schwarze Dame durch einen Abzug des Se5. Ebensowenig spielbar ist 9...cxd4? 10.Sxd4 exd4? (10...a6 11.Sc2 verliert zumindest kein Material, aber welcher Igelspieler möchte eine solche Ruine verwalten?) 11.e5! und wieder hängt beim Nachziehende neben dem schiefen Haussegen auch noch jede Menge Material herum. Am Ende ist nach 11...dxe5 12.Lxb7 Sbd7 13.Lxa8 dxc3 14.Lg2 mindestens die Qualität weg.

Nikolic wählte natürlich keinen der beiden Schlagzüge, sondern blieb mit 9...Sc6! gewohnt cool, wonach Weiß mit 10.dxe5 dxe5 11.Sd5 h6! nur einen kleinen Vorteil behielt. Am Ende überschritt Levin in einem etwas schlechteren, aber vermutlich haltbaren Endspiel die Zeit, was gleichzeitig seine erste Saisonniederlage bedeutete.

Partie(n) zum Nachspielen: 
[Event "BL 1516 SG Solingen - SV Mülheim Nord"]
[Site "?"]
[Date "2016.03.13"]
[Round "11.5"]
[White "Levin, Felix"]
[Black "Nikolic, Predrag"]
[Result "0-1"]
[ECO "A30"]
[PlyCount "22"]
[EventDate "2016.??.??"]
[SourceDate "2015.06.25"]

1. Nf3 Nf6 2. c4 b6 3. g3 c5 4. Bg2 Bb7 5. O-O g6 6. Nc3 Bg7 7. Re1 {Weiß
geht dem "normalen" Igel aus dem Weg, der nach 7.d4 cxd4 8.Dxd4 entsteht und
den Nikolic im Laufe seiner Karriere vermutlich schon millionenfach auf dem
Brett hatte.} d6 8. e4 e5 {Die logische Antwort auf den weißen Aufbau - nun
sieht es so aus, als würde der Turm e1 völlig sinnbefreit stehen, denn das
Zentrum ist scheinbar dicht und Anhebelungen nur noch mit b2-b4 und f2-f4
möglich. Aber die Gegenüberstellung des Ke8 mit dem weißen Turm ermöglicht
einen hübschen Trick:} 9. d4 $1 Nc6 $1 (9... exd4 $2 10. e5 dxe5 11. Nxe5 {
verliert sofort, da Schwarz sich nicht gegen 12.Sc6+ und 12.Lxb7 verteidigen
kann}) (9... cxd4 10. Nxd4 $1 exd4 $2 (10... a6 11. Nc2 {ist positionell
natürlich eine Katastrophe, aber verliert zumindest kein Material}) 11. e5 $1
{und obwohl Weiß eine Minusfigur hat, ist es der Nachziehende, der nun
Material verliert} dxe5 (11... Bxg2 12. exf6+) 12. Bxb7 Nbd7 13. Bxa8 dxc3 14.
Bg2 {und Weiß verbleibt mit einer glatten Mehrqualität}) 10. dxe5 dxe5 11.
Nd5 h6 {Nikolic hat geschickt alle Klippen umschifft und die Stellung in etwa
im Gleichgewicht gehalten. Am Ende gewann er in einem etwas besseren Endspiel
durch Zeitüberschreitung.} 0-1

[Event "BL 1516 Hansa Dortmund - SG Solingen"]
[Site "?"]
[Date "2016.03.12"]
[Round "10.8"]
[White "Schroeder, Kevin"]
[Black "Handke, Florian"]
[Result "1/2-1/2"]
[ECO "D13"]
[SetUp "1"]
[FEN "5r1k/1R4p1/p4b1p/3B4/r1R5/4B2P/P3nPP1/5K2 b - - 0 35"]
[PlyCount "38"]
[EventDate "2016.??.??"]
[SourceDate "2015.06.25"]

35... Rxa2 36. Rcc7 $2 (36. g4 $1 {ist ein echter Multifunktionszug: Er
öffnet dem König ein Luftloch, schneidet dem schwarzen Springer alle
Rückzugsfelder ab und - gewinnt entscheidendes Material. Es droht vor allem
Tcc7, wonach der Ta2 durch den Ld5 angegriffen wird, der aber wiederum den Se2
decken muss} Ra5 (36... Rd8 37. Rc5) 37. Rf7 $1 Rd8 38. Bf3 Nc3 39. Rxf6 gxf6
40. Rxc3 {mit Gewinnstellung}) 36... Ra5 37. Bc4 Nc3 38. g4 Nd5 39. Bc5 Nf4 $1
40. Rb1 (40. Bxf8 Ra1+) 40... Rd8 41. Rc6 Ra8 42. Be3 $1 {Der junge Dortmunder
hat weiterhin das Heft gegen den Großmeister fest in der Hand und hat Pech,
dass das Material bereits zu reduziert zum Gewinnen ist} Nxh3 43. Bxh6 Ng5 44.
Kg2 Rf8 45. Bxg5 Bxg5 46. Rh1+ Bh6 47. Rxa6 Rxa6 48. Bxa6 Rf4 49. Kg3 Ra4 50.
Bb5 Rb4 51. Bc6 Kg8 52. Rh5 Bf4+ 53. Kf3 g5 54. Kg2 {Eine starke Leistung von
Kevin, von dem man sicherlich noch hören wird} 1/2-1/2


Über den Autor

Marc Lang

Marc Lang ist selbstständiger Programmierer aus dem schwäbisch-bayerischen Günzburg. Er ist bekannt für seine Blindschachveranstaltungen und hielt bis Dezember 2016 den Weltrekord im Blindsimultan gegen 46 Gegner, aufgestellt 2011 in Sontheim/Brenz. Wenn Sie Fehler auf dieser Webseite finden, stammen sie zu 90% von ihm.

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