Zürich Chess Challenge 2016(2) - Anand furios

Erstellt am: 14.02.2016

Der erste Tag des Haupturniers der Zürich Chess Challenge stand eindeutig im Zeichen des Baden-Badener Spitzenspielers Viswanathan Anand. Der indische Ex-Weltmeister fegte in der ersten Runde seinen Teamkollegen Levon Aronian in gerade einmal 19 Zügen vom Brett und ließ in Runde zwei einen nicht minder eindrucksvollen Sieg durch "Erwürgen" gegen Giri folgen.

Aronian konnte einem fast leid tun. Nach eigener Aussage hatte er seit den London Chess Classics Anfang Dezember 2015 keine einzige Schachpartie mehr gespielt und dementsprechend verloren wirkte er m.E. auch während der Partien. Leicht abwesend, fast schon ein bisschen lustlos seiner Zugpflicht genügend hatte er schon am Freitag das Eröffnungsblitzturnier absolviert und war dort auf dem vorletzten Platz gelandet. Im Hauptturnier gegen Anand dann ging er in einem zunächst harmlos gestarteten Vierspringerspiel so gnadenlos unter, dass sein Großmeisterkollege Pavel Eljanov auf Facebook verwundert fragte, ob es überhaupt jemals schon einmal eine so schnelle und vernichtende Niederlage unter 2700ern gegeben habe:

anand-aronian.jpg

Anand - Aronian (Runde 1), Stellung nach 14...Sc6-b8


Schwarz hatte soeben zu Sc6-b8?? gegriffen, woraufhin Anand mit 15.Sxh6! die Partie faktisch beendete. 15...gxh6 verbietet sich wegen des hängenden Sf6, aber auch 15...Kxh6 16.Dh3+ Kg6 überlebt Schwarz verständlicherweise nicht lange, denn sein König hat keine Fluchtroute zurück ins traute Heim. Nach 17.Tf3 Sh5 18.Tf5 Sf6 19.Dg5 ist kein Kraut mehr gegen das Matt auf g5 oder h5 gewachsen.

Etwas stockender verlief der Auftakt für den Star des gestrigen Blitzturniers, Hikaru Nakamura. Er ließ sich gegen Anish Giri auf dessen Leib- und Magenvariante, den Najdorf-Sizilianer ein und musste wie schon so viele Spieler vor ihm alsbald feststellen, dass der junge Holländer dieses System wie kein Zweiter beherrscht. Nakamura stand schon nach 20 Zügen mit Weiß klar schlechter und musste sehr hart kämpfen, um am Ende noch irgendwie ins Remis zu entwischen.

Shirov - Kramnik dagegen hatte einmal mehr die Eröffnung auf dem Brett, die in englischen Livestreams von den Zuschauern resgnierend mit "YABB" abgekürzt wird: Yet Another Bloody Berlin, mal wieder eine stinkende Berliner Mauer. Der Partieverlauf bot dann auch für uns Normalsterbliche das alt bekannte Bild: Man hat ständig das Gefühl, dass Weiß doch "irgendwie" etwas haben müsste, weil er optisch so schön steht, aber man sieht keinen Durchbruch für Weiß - weil es keinen gibt, und gegen Kramnik, der mit dieser Eröffnung vermutlich schon 1-2 Eigentumswohnungen abbezahlt hat, schon gleich dreimal nicht. Shirov versuchte es schließlich mit der Brechstange in Gestalt eines Bauernopfers, doch Kramnik nahm es cool an, um das Geschenk einige Züge später in doppelter Form zurückzugeben und damit ein ungleichfarbiges Läuferendspiel zu erreichen, in dem es keinen Sieger mehr geben konnte.

Runde 2, die nach einer nur einstündigen Unterbrechung gespielt wurde, sah Anand dann endgültig zur Hochform auflaufen. Es ist schon schwer genug, Giri überhaupt zu schlagen, aber mit Schwarz in einer ruhigen Italienischen Partie ist das eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht aber für Anand, der seine Stellung Schritt für Schritt verbesserte, bis Giri schließlich dem Druck erlag und entscheidend fehlgriff:

giri-anand.jpg

Giri - Anand (Runde 2): Stellung nach 31.f4?

Anand konterte mit 31...e5!, wonach die weiße Stellung überraschend schnell auseinanderfliegt. Das Nehmen auf e5 verbietet sich zum einen wegen des hängenden Te3 (nach 32.dxe5) bzw. dem entfesselnden 32...d5 nebst 33....Tf2+ (nach 31.fxe5). Giri blieb nur das kleinlaute 32.Sf3, doch dann legte Anand mit 32...exf4 33.gxf4 d5! 34.exd5 Dd6! seine Königsstellung in Trümmer. Die schwarzen Schwerfiguren konnten nun ungehindert über den weißen König herfallen und machten ihm dann auch wenige Züge später den Garaus.

Kramnik - Aronian begann als eher träges Réti mit einem passiv anmutenden Aufbau des Russen. Aronian konnte bequem ausgleichen, doch just, als alle mit einem schnellen Remisschluss rechneten, opferte Kramnik eine Qualität für einen Springer und einen gefährlichen Freibauern auf e6, was für den Armenier irgendwie bedrohlich aussah. Doch Aronian behielt kühlen Kopf und gab seinen Mehrbesitz schließlich zurück, um ein ungleichfarbiges Läuferendspiel zu erreichen, in dem der Mehrbauer Kramniks nutzlos war.

Shirov - Nakamura versprach von der Konstellation her eine echte Kampfpartie zu werden - und das wurde sie auch. Nakamura entschied sich für die Französische Verteidigung, die Shirov mit der in höheren Kreisen eher selten anzutreffenden Durchzugsvariante konterte. Der Amerikaner verkomplizierte die Stellung, indem er sich auf h6 seine Bauern verdoppeln ließ, nur um diese zusammen mit einem Turm auf der nunmehr geöffneten g-Linie gegen den kurz rochierte weißen König als Angreifer zu nutzen. Shirovs Position wurde schon bald ziemlich ungemütlich, doch der Lette verteidigte sich zunächst sehr zäh, bis schließlich kurz vor dem Ziel sein Temperament mit ihm durchging:

shirov-nakamura.jpg

Shirov - Nakamura (Runde 2): Stellung nach 35...Tf4

Schwarz ist am Drücker, doch mit 36.Th1! nebst 37.Df2 hätte der Anziehende den gefährlichen schwarzen h-Bauern unschädlich machen und sich sehr gute Remischancen erhalten können. Statt dessen blieb Shirov seinem Naturell treu und wählte eine aktive Verteidigung: Mit 36.Txc5? bxc5 37.a5 versprach er sich gutes Gegenspiel, hatte jedoch die Rechnung ohne den schwarzen Freibauern gemacht, denn Nakamura konterte eiskalt mit 37...h3+ 38.Kg3 (38.Kxh3? Dh6+ 39.Kg3 Txg4+ und die Dame auf e3 ist ungedeckt; gleichwohl wäre 38.Kh2 besser gewesen) h2! und Shirov gab auf, denn nach 39.Dc1 (39.Kxh2 geht immer noch nicht) Dh6 40.Dh1 Tb4 41.Dxh2 Dxh2+ 42.Kxh2 Tb4 geht der Le2 verloren.

Tabelle nach 2 Runden (im Rapid erzielte Punkte zählen doppelt!)

RgNameELOPktSB
1.Viswanathan Anand (IND)27844.02.00
2.Hikaru Nakamura (USA)27873.01.50
3.Vladimir Kramnik (RUS)28012.01.00
4.Anish Giri (NED)27981.01.50
5.Levon Aronian (ARM)27921.01.00
6.Alexei Shirov (LAT)26841.01.00


Heute geht es weiter mit folgenden Paarungen:

Runde 3, 15 Uhr:
Hikaru Nakamura - Vladimir Kramnik
Viswanathan Anand - Alexei Shirov
Levon Aronian - Anish Giri

Runde 4, 18 Uhr:
Vladimir Kramnik - Anish Giri
Alexei Shirov - Levon Aronian
Hikaru Nakamura - Viswanathan Anand

Partie(n) zum Nachspielen: 
<a href=http://schachbundesliga.de/sites/default/files/pgn/zurich-cc-r1u2.pgn>PGN</a>
PGN Download: 

Die Zürich Chess Challenge 2016 findet vom 12, - 15. Februar im Hotel Savoy Baur en Vill in Zürich statt. Der Modus ist ein vollrundiges Schnellschach mit 40 Minuten pro Partie plus 10 Sekunden / Zug, dessen erzielte Punkte doppelt zählen. Zusätzlich wird ein Blitzturnier ausgetragen, das einfach in die Gesamtwertung einfließt. Das Schnellschach findet am Samstag und Sonntag um 15:00 bzw. 18:00 statt und am Montag um 15:00 Uhr. Das abschließende Blitzturnier beginnt am Montag um 18:00 Uhr. Der Eintritt ist für Zuschauer an allen Tagen frei; es gibt Live-Kommentare vor Ort (GM Pelletier und IM Hug) und im Internet auf http://www.zurich-cc.com



Über den Autor

Marc Lang

Marc Lang ist selbstständiger Programmierer aus dem schwäbisch-bayerischen Günzburg. Er ist bekannt für seine Blindschachveranstaltungen und hält den aktuellen Weltrekord im Blindsimultan gegen 46 Gegner, aufgestellt 2011 in Sontheim/Brenz. Wenn Sie Fehler auf dieser Webseite finden, stammen sie zu 90% von ihm.

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