Teilweise zurück in der Erfolgsspur, Hanseaten bleiben auch in Erfurt „über dem Strich“

Erstellt am: 09.02.2016

Von Andreas Warsitz
Unsere erstklassigen Denker des hatten am vergangenen Karnevalswochenende in Erfurt die Runden 5 und 6 in der Schachbundesliga, der weltstärksten Schachliga, zu bestreiten. In beiden Begegnungen – am Samstag gegen ein mit Weltklassespielern gespicktes Schwergewicht der Liga, SK Schwäbisch Hall, und am Sonntag gegen einen direkten Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt, Aufsteiger Erfurter SK – war man nominell zum Teil deutlich in der Außenseiterrolle. Zurückkehrten unsere erstklassigen Denker immerhin mit 1 Zähler im Handgepäck.

Denn gegen den Erfurter SK, dessen größter Vereinserfolg früher noch als SV Erfurt West im Jahre 1991 der Titel des Mannschaftsmeisters in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik gewesen ist, errang man ein 4:4. Am Vortag reichte es gegen den SK Schwäbisch Hall lediglich zu einer knappen, aber ehrenvollen 3:5-Niederlage. In beiden Wettkämpfen war aber mehr möglich, insbesondere am Sonntag gegen die sehr sympathischen und guten Erfurter Gastgeber.

Gegen das mit Weltklassespielern gespickte Team aus Schwäbisch Hall verlor unser Flaggschiff zwar am Samstag ohne einen einzigen Partiegewinn bei 6 Remisen mit 3:5. Dennoch wurde der aktuelle Tabellendritte über mehr als 6 Stunden lang gehörig ins Schwitzen gebracht. Ein 4:4 wäre mit etwas mehr Fortune und Erfahrung auf diesem Top- Niveau nicht ausgeschlossen gewesen. So hatte es lange Zeit den Eindruck, als ob unser Spitzenbrett, der junge Großmeister (GM) Alexander Donchenko (ELO 2575), den chinesischen GM Chao Li in einem vorteilhaften Endspiel bezwingen. Mit seiner ELO-Zahl von 2751 ist Chao Li die aktuelle Nr. 16 der Weltrangliste, Tendenz weiter aufsteigend. Am Ende blieben aber nur die 2 „nackten“ Könige übrig, was im Schachsport regeltechnisch die Punkteteilung bedeutet. Auch der Serien- und Rekordsieger der Deutschen Polizei- Schachmeisterschaft, FIDE-Meister (FM) Ralf Kotter (ELO 2350), vergab an Brett 7 gegen den Haller GM Mathias Womacka (ELO 2437) eine vorteilhafte Stellung, so dass er am Ende – wie Donchenko nach mehr als 6 Stunden – in die Punkteteilung einwilligen musste. Nach den Niederlagen von GM Romuald Mainka (ELO 2416) am 6. Brett und FM Frank Karger (ELO 2282) – dem Weltmeister im Go-Programmieren – an Brett 8 sowie den weiteren Friedensschlüssen des Internationalen Meisters (IM) Léon Mons (ELO 2458), IM Patrick Zelbel (ELO 2434), GM Misa Pap (ELO 2483) und IM Olaf Wegener (ELO 2440) an den Brettern 2, 3, 4 und 5 stand unter dem Strich eine knappe 3:5-Niederlage. Besonders hervorzuheben sind noch die Remisen der beiden Youngster Mons und Zelbel. Während es Mons mit der Nr. 38 der Weltrangliste, dem israelischen GM Maxim Rodshtein (ELO 2708), zu tun hatte, brachte Zelbel mit dem israelischen GM Evgeny Postny (ELO 2668) die Nr. 73 gehörig ins Schwitzen.

Welch besondere Leistung unser Achter am Samstag gegen die Haller an den Brettern gezeigt hat, belegt ein Blick auf die durchschnittliche ELO-Zahl der beiden Teams. Zwischen den durchschnittlich 2581 ELO-Punkten auf Seiten Schwäbisch Halls und den 2430 Punkten unsererseits liegen auf dem Papier Welten. Die jüngste Truppe der 1. Bundesliga, die an diesem Wochenende mit 7 einheimischen Spielern sowie dem im Großraum Dortmund lebenden serbischen GM Misa Pap ein ausschließlich lokales Team aufgeboten hatte, ließ zum wiederholten Male in den letzten 2 Jahren die Etablierten der Liga aufhorchen.

Auch am Sonntag, als sich die Mannen um Interims-MF Ralf Kotter mit den Gastgebern aus Erfurt zu messen hatten, waren sie wiederum die nominellen Außenseiter. Denn der Aufsteiger brachte es mit seinem Achter auf eine durchschnittliche ELO-Zahl von 2486.
Die Erfurter traten quasi – ganz anders als wir – in Bestbesetzung an, um sich 2 Punkte zu sichern. Doch daraus wurde nichts.
Unser Team schrammte nach wiederum mehr als 6 Stunden Spieldauer haarscharf an einem doppelten Punktgewinn vorbei. Eine 3,5:2,5-Führung bei letztlich 2 gewinnträchtig erscheinenden Restpartien von Léon Mons und Ralf Kotter wurde aber nicht ins Ziel gebracht. Die Erfurter dürften heilfroh gewesen sein, mit dem 4:4 einen Mannschaftspunkt daheim behalten zu haben.
Zwar brachte der russische GM Evgeny Romanov (ELO 2617) die Gastgeber am Spitzenbrett gegen Alexander Donchenko schnell mit 1:0 in Führung. Aber es schien danach lange Zeit so, als ob die Heimmannschaft ihr Pulver schon verschossen hätte. Denn Olaf Wegener mit seinem Sieg gegen IM Franz Braeuer (ELO 2423) und Frank Karger mit seiner Gewinnpartie gegen den Bundes-Jugendtrainer IM Bernd Voekler (ELO 2354) sowie Patrick Zelbel, Misa Pap und Romuald Mainka mit ihren Remispartien drehten den frühen Rückstand in eine 3,5:2,5-Führung. Und die beiden abschließenden Partien von Léon Mons gegen den ukrainischen Spitzenspieler GM Andrey Vovk (ELO 2632) und Ralf Kotter gegen den deutschen GM Peter Enders (ELO 2459) sahen vielversprechend aus. Während man nach Lage der Dinge am 2. Brett bei Mons lange Zeit sogar von einem Partiegewinn in deutlich besserer Stellung ausgehen durfte, stand Kotter an Brett 7 nach wechselhaftem Verlauf lange Zeit problemlos ausgeglichen.

Als sich der diesmal verhinderte Mannschaftsführer und Hansa-Vorsitzende Andreas Warsitz beim Internet-Live-Studium der Partien daheim bereits freudestrahlend die Hände rieb, kam es schlussendlich doch noch anders. Möglicherweise den Sieg bereits zu nah vor Augen spielte der junge und in Forchheim lebende Léon Mons plötzlich unpräzise und drehte damit plötzlich seine Partie ins genaue Gegenteil. Noch nicht einmal ein Remis konnte er halten und musste leider dem ukrainischen Spitzenspieler der Gastgeber mit der Aufgabe seiner Partie die Hand zur Gratulation reichen, 0:1 und Gesamtstand 3,5:3,5.
Nun war Ralf Kotter gefordert, dessen Partie sich wegen seiner großen Zeitnot wechselhaft entwickelte. Die Bewertung seiner Stellung wechselte bei der Computer-Berechnung während der Internet-Live-Übertragung von vorteilhaft über „tot-remis“ bis hin zu deutlich nachteilhaft und wieder zurück. Letztlich schaffte es Kotter aber trotz Zeitnot und dank seiner guten Endspieltechnik, den Remishafen anzusteuern, damit zumindest 1 Mannschaftspunkt zu sichern. Endstand nach mehr als 6 Stunden also 4:4.
Trotz einer insgesamt erneut bravourösen und überzeugenden Teamleistung überwog auf Seiten unseres Achters wohl eher die Ernüchterung darüber, 1 weiteren Mannschaftspunkt und also einen Sieg gegen den Erfurter Konkurrenten am Wegesrand liegen gelassen zu haben. Mit Blick auf das Restprogramm hätte ein Sieg den Klassenerhalt schon fast gesichert. So müssen wir, auf Tabellenrang 9 mit nunmehr 5:7 Zählern noch 2 Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz habend, weiter strampeln.
Auffällig ist, dass das Team nunmehr zum zweiten Mal infolge auf den Einsatz seiner stärksten Großmeister aus dem Ausland verzichtet, auch dadurch möglicherweise Punkte liegen gelassen hat. Befragt danach teilte der Hansa-Vorsitzende Andreas Warsitz mit:
„Wir sind überzeugt von der Truppe, die jetzt am Karnevalswochenende in Erfurt und im vergangenen Jahr in Hockenheim gespielt hat. Die Jungs haben unser vollstes Vertrauen. Und das haben sie auch voll und ganz gerechtfertigt. Es ist für diese Profi-Liga, in der eigentlich nur fast konzeptlos ausgegebenes Geld das Tabellenbild bestimmt, meines Erachtens stilbildend, wenn wir mit der jüngsten Mannschaft und mit der höchsten Quote einheimischer Spieler antreten und dennoch – oder gerade deswegen? – erfolgreich mithalten können. Es ist aber auch so, dass bislang noch nicht alle vor Saisonbeginn zugesagten Sponsorenmittel realisiert werden konnten. Wir machen nichts wirtschaftlich Unvernünftiges, investieren nur das, was wir auf dem Konto haben. Denn unser Verein besteht nicht nur aus unserem Bundesligateam. Diese Entwicklung gibt uns sicherlich für die Zukunft zu denken.“.
Weiter geht es bereits am 20.02. und 21.02.2016 in Dresden gegen die Gastgeber USV TU Dresden und die Schachfreunde Berlin 1903. Da beide Teams – obwohl auf dem Papier besser ausgestattet – aktuell auf den Abstiegsplätzen 13 und 14 insgesamt 2 Punkte Rückstand haben, rechnen wir uns auch dort etwas aus und wollen aus diesen wohl richtungsweisenden und vorentscheiden Kämpfen etwas mitbringen.
An demselben Wochenende kommt es zum vorzeitigen Showdown um den Titel des Deutschen Meisters. Denn mit der SG Solingen und der OSG Baden Baden stehen sich nicht nur die beiden verlustpunktfreien Erstplatzierten gegenüber, sondern auch die Vereine, die das mit Abstand meiste Geld in ihre Kader pumpen, um sich am Ende des Tages „Rekordmeister“ nennen zu dürfen.



Über den Autor

Marc Lang

Marc Lang ist selbstständiger Programmierer aus dem schwäbisch-bayerischen Günzburg. Er ist bekannt für seine Blindschachveranstaltungen und hielt bis Dezember 2016 den Weltrekord im Blindsimultan gegen 46 Gegner, aufgestellt 2011 in Sontheim/Brenz. Wenn Sie Fehler auf dieser Webseite finden, stammen sie zu 90% von ihm.

Sie erreichen Marc Lang unter:
Tel.: +49 (0) 82 21 - 3 29 57
E-Mail: marc.lang@gobsy.de
Internet: http://gobsy.de