Kein Prinz, aber schon fast ein König – Interview mit IM Léon Mons

Erstellt am: 10.08.2016

Léon Mons erlernte das Schachspiel von seinem Vater. Trotz seiner Jugend ist Leon bereits ein erfahrener Bundesligaspieler. Mit dem SC Forchheim schnupperte Léon in der Saison 2012 / 2013 erstmals Bundesligaluft. Dabei überzeugte er direkt mit persönlichen Erfolgen und erzielte seine erste GM-Norm. Seine nächsten Vereine waren dann der SC Eppingen und Hansa Dortmund.

Léon Mons hat sich nicht lange bitten lassen, als Ulli Geilmann um ein Interview ersuchte:

Ulli Geilmann (UG): Hallo Leon! Was macht Dein Studium?

Léon Mons (LM): Hallo Ulrich! Nach dem Abschluss meines Bachelorstudiums studiere ich zur Zeit im 1. Mastersemester Mathematik an der Uni Erlangen.

UG: Wie geht’s denn danach weiter? Bist Du auf dem Weg zum Schachprofi?

LM: Nein, eine Laufbahn als Schachprofi habe ich nie ernsthaft in Betracht gezogen. Dafür wäre es mittlerweile vielleicht auch schon zu spät. Was das Studium betrifft, habe ich noch keine festen Pläne, wie es danach weitergehen soll. Ich könnte mir aber gut vorstellen, eine universitäre Laufbahn einzuschlagen.

UG: Wann wird denn aus dem Prinzen ein König? Anders gefragt: Wann kommt der GM?

LM: Der Prinzengruppe habe ich ja nie angehört, aber was die GM-Frage betrifft - zwei Normen habe ich bereits, und ich hoffe darauf, die dritte und letzte Norm in der kommenden Saison erspielen zu können. Zur Elo-Grenze von 2500 fehlen mir zurzeit noch knapp 40 Punkte. Ich habe meine Turnierteilnahmen in den letzten 2-3 Jahren studienbedingt um einiges zurückgeschraubt, das könnte also noch ein Weilchen dauern. Aber natürlich ist der GM-Titel weiterhin mein schachliches Ziel.

UG: Du hast in der Bundesliga aufhorchen lassen. Eine Gewinnpartie hat Dir sogar eine besondere Auszeichnung eingebracht.

LM: Das war die Partie gegen Arkadij Naiditsch in meiner Debütsaison 2012/2013. Ich habe mit dem Morra-Gambit eine gute Partie gewonnen, die später zur Partie der Saison gewählt wurde – eine Auszeichnung, über die ich mich sehr gefreut habe.

UG: Wie ich hörte, hat Dich zu dieser Zeit GM Michael Prusikin trainiert. Hat er Dich auf Naiditsch damals besonders vorbereitet?

LM: Nein, ich hab mich im Grunde genauso vorbereitet wie auf alle anderen Partien auch. Wir waren am Vorabend in einem schicken griechischen Restaurant essen, und haben uns danach noch einen Film im Kino angesehen. Ich bin also recht entspannt an die Partie herangegangen, ich hatte ja auch nichts zu verlieren.

UG: Trainiert Dich Michael eigentlich noch?

LM: Ja, wir trainieren immer noch regelmäßig, wenn auch nicht mehr ganz so oft wie früher.

UG: Für welchen Verein wirst Du in der kommenden Saison spielen?

LM: Für den MSA Zugzwang. Ich habe nach dem Rückzug des SC Hansa Dortmund in die 2. Liga ja einen neuen Verein gesucht. Der MSA Zugzwang hat mir dann ein Angebot gemacht. Aus der österreichischen Bundesliga kannte ich bereits einige meiner neuen Teamkollegen persönlich, daher fiel mir die Wahl eigentlich recht leicht. Außerdem bin ich in der kommenden Saison an Brett 3 aufgestellt, so hoch könnte ich wohl bei keinem anderen Bundesligaverein spielen.

UG: Wie schätzt Du denn die Chancen Deines neuen Teams ein?

LM: Als Mannschaft ohne echte Profispieler gehen wir natürlich als klarer Abstiegskandidat in die Saison. Diese Situation kenne ich ja bereits aus meiner Zeit beim SC Forchheim. In einzelnen Partien kann man den Favoriten zwar hin und wieder mal ein Bein stellen, insgesamt ist man in den Mannschaftskämpfen aber meist chancenlos. Wenn wir es schaffen sollten, gegen die anderen Abstiegskandidaten gut zu punkten, ist der Klassenerhalt aber nicht unmöglich.

UG: Und nun die Gretchenfrage: Wer wird denn diesmal Deutscher Meister?

LM: Baden-Baden ist seit vielen Jahren der klare Favorit, daran hat sich nichts geändert. Daher denke ich, dass sie kommende Saison wieder den Titel holen werden, obwohl es mit Solingen und Schwäbisch Hall durchaus starke Konkurrenten gibt. Die Hauptsache ist doch, dass der Titelkampf endlich wieder Spannung verspricht.

UG: Kommen wir zu einem anderen Thema. Die Schachbundesliga soll reformiert werden. Es gibt hierzu viele Vorschläge. Was wären Deine Ideen?

LM: Die Bundesliga muss für Sponsoren interessanter werden. Das Hauptproblem an der derzeitigen Situation ist doch, dass sich viele Mannschaften freiwillig aus der Liga zurückziehen bzw. auf den Aufstieg aus der 2.Liga verzichten. Dadurch verliert die Liga ein wenig ihren sportlichen Reiz. Die Frage nach dem Wie vermag ich leider nicht zu beantworten, dafür habe ich mich viel zu wenig mit diesem Thema beschäftigt.

UG:Wie alt warst Du, als Du mit dem Schachspiel erstmals in Berührung kamst?

LM: Da muss ich so 6-7 Jahre alt gewesen sein, so genau weiß ich das gar nicht mehr. Mein Vater ist selbst ein Vereinsspieler und hat mir die Regeln beigebracht. Im Jahr 2004 bin ich dann dem SC Forchheim beigetreten, in dem ich immer noch Mitglied bin. Damals hatten wir mehrere talentierte Jugendliche im Verein, sodass die Idee aufkam, eine Trainingsgruppe unter der Leitung von GM Michael Prusikin zu gründen. Das hat sich auch gelohnt: Wir konnten in den Mannschaftswettbewerben auf bayerischer und deutscher Ebene einige Medaillen und sogar Titel gewinnen, und mit Michael arbeite ich auch heute noch zusammen. In Forchheim konnte ich mich lange Zeit gut entwickeln, eine Saison lang haben wir ja sogar Bundesligaluft geschnuppert. Im Jahr 2014 bin ich dann jedoch zum SC Eppingen gewechselt, um auch längerfristig in der Bundesliga spielen zu können. Leider musste die Mannschaft, wie auch letzte Saison in Dortmund, aus der Bundesliga zurückgezogen werden. Ich hoffe mal, dass meine Zeit in München etwas länger dauern wird.

UG: Mein Vater hat mir die Regeln beigebracht, als ich 9 Jahre alt war. Danach habe ich zunächst einfach so, also ohne besonderes Training gespielt. Erst mit 16 fand ich dann den Weg in einen Schachverein, doch war schnell klar, dass ich keine höheren Weihen erwerben würde. Was habe ich falsch gemacht? 

LM: Absolut nichts, oder wärst du etwa lieber ein Schachprofi geworden?!

UG: Na gut! Andererseits hat mir Schach damals dabei geholfen, mich besser konzentrieren zu können. Auch schärften sich meine analytischen Fertigkeiten. Wie war das bei Dir?

LM: Ich denke, das war bei mir wohl genauso. Durch Schach kann man einige Fähigkeiten trainieren, die auch im echten Leben nützlich sind, z.B. Umgang mit Drucksituationen, Zeitmanagement, Planvolles Handeln und vieles mehr. Es gibt ja auch Studien, die belegen, dass man durch Schachtraining die kognitiven Fähigkeiten verbessern kann. Von daher finde ich es auch gut, dass in den letzten Jahren immer mehr Schulschachprojekte entstanden sind.

UG: Welche Rolle spielen heute eigentlich die starken Computerprogramme und Datenbanken? Kann man sich die Entwicklung des Schachsports ohne diese Hilfsmittel überhaupt noch vorstellen?

LM: Das Aufkommen immer stärkerer Computerprogramme hat das Schach stark verändert. Heutzutage kann man komplizierte Stellungen in wenigen Minuten analysieren, wofür man früher vielleicht mehrere Stunden gebraucht hätte. Dies betrifft insbesondere die Eröffnungen, die man heute sehr detailliert analysieren kann. Auf Großmeisterniveau kommt es immer wieder mal vor, dass eine Partie remis endet, ohne dass einer der Spieler einen „eigenständigen“ Zug machen musste. Ich denke aber nicht, dass das Schach durch die Computer irgendwann „totanalysiert“ werden wird, im Gegenteil: Durch die Engines können Ideen entdeckt werden, auf die die Spieler der Prä-Computer-Ära niemals gekommen wären. Ein Computer hat keine Vorurteile und findet den besten Zug, auch wenn dieser aus menschlicher Sicht „krumm“ aussieht, und daher instinktiv verworfen werden würde. Dadurch können wir unser Schachverständnis verbessern. Ich denke, dass die Engines also eher eine Bereicherung als ein Fluch für das Schach sind. Man sollte sich nur nicht zu sehr von ihnen abhängig machen, ein „menschliches Stellungsverständnis“ ist nach wie vor wichtig.

UG: Heutige Schachprogramme erzielen fast mühelos eine Elozahl von 3400. Magnus Carlsen, der Schachweltmeister, schafft gerade einmal schlappe 2855. Macht es eigentlich Sinn, sich in einem Spiel messen zu wollen, das eigentlich von Computern beherrscht wird?

LM: Mit dem Computer können wir uns im Schach schon lange nicht mehr messen. Aber selbst wenn es ihnen in ferner Zukunft irgendwann mal gelingen sollte, Schach vollkommen auszuanalysieren, was ich nicht glaube, würde der Reiz aus meiner Sicht trotzdem nicht verloren gehen. Schach ist für uns Menschen viel zu kompliziert, um darin Perfektion zu erreichen. Partien zwischen Menschen werden also immer interessant bleiben, daher wird das Schachspiel hoffentlich niemals aussterben.

UG: Vielen Dank, Léon! Viel Erfolg in der neuen Saison!

LM: Vielen Dank, Ulrich!



Über den Autor

Marc Lang

Marc Lang ist selbstständiger Programmierer aus dem schwäbisch-bayerischen Günzburg. Er ist bekannt für seine Blindschachveranstaltungen und hielt bis Dezember 2016 den Weltrekord im Blindsimultan gegen 46 Gegner, aufgestellt 2011 in Sontheim/Brenz. Wenn Sie Fehler auf dieser Webseite finden, stammen sie zu 90% von ihm.

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