„Wundertüte“ glaubt an weitere Sensation

Erstellt am: 31.01.2018

Münchner Schach-Bundesligisten erwarten am Wochenende schwäbische Topteams

Von Hartmut Metz

Zwei ehemalige Wunderkinder und Vizeweltmeister sowie das aktuelle deutsche Schach-Wunderkind könnten am Wochenende in München ihre Künste auf den 64 Feldern zeigen: Bayern München und Münchener Schachakademie (MSA) Zugzwang erwarten mit dem SK Schwäbisch Hall und den SF Deizisau zwei Bundesliga-Spitzenteams aus Schwaben. Während der FC Bayern nach dem jüngsten Coup über Vizemeister Hockenheim den Glauben an Sensationen verinnerlicht hat, klingt Markus Lammers vom Ortsrivalen angesichts des vorletzten Tabellenplatzes bereits verzagt.

„Die Situation ist schon sehr schwierig“, gesteht der MSA-Kapitän angesichts von deprimierenden 1:11 Punkten. Am Samstag (14 Uhr) droht im Kulturhaus Milbertshofen (Curt-Mezger-Platz 1) gegen den Tabellenfünften Deizisau (8:4 Punkte) eine weitere klare Niederlage. Dagegen hat der FCB das Duell an den Brettern daneben gegen den sechstplatzierten SK Schwäbisch Hall noch lange nicht abgeschrieben.

„Da warten wir ab. Wir sind ein bisschen eine Wundertüte“, meint Abteilungsleiter Jörg Wengler und verweist zudem darauf, dass die Haller auch unberechenbar sind. Vom Kader her wurden sie als Mitfavorit auf den Titel eingestuft – nach enttäuschendem Auftakt trat der SK zuletzt relativ schwach an und weist lediglich 6:6 Punkte auf. Die Bayern (4:8) könnten so sogar in der Tabelle aufschließen.

Bisher übertraf der Gastgeber der Doppelrunde die Erwartungen weit: 61 Elo gewannen die Bayern-Spieler in der bisherigen Saison hinzu und sammelten in der Bundesliga am meisten Weltranglistenpunkte. „Momentan läuft es ganz gut“, unterstreicht Wengler folglich. So blauäugig ist der Kapitän der Hausherren aber nicht, dass er auch am Sonntag (10 Uhr) an eine Chance gegen Deizisau glaubt.

Bei dem Aufsteiger spielen an vorderster Front der Amerikaner Gata Kamsky und der Ungar Peter Leko, die schon im zarten Jugendalter Großmeister wurden und hernach bis ins WM-Finale vorstießen. Der höchste Schach-Thron blieb beiden jedoch verwehrt.

Der ehemalige Vizeweltmeister Gata Kamsky führt Aufsteiger SF Deizisau an | Foto: Hartmut Metz
Der ehemalige Vizeweltmeister Gata Kamsky führt Aufsteiger SF Deizisau an | Foto: Hartmut Metz

Dazu gesellt sich direkt dahinter an Position drei die aktuell größte deutsche Hoffnung: Matthias Blübaum. Zudem spielt mit Vincent Keymer der Nachwuchsstar an einem hinteren Deizisauer Brett. Der 13-Jährige trägt bereits den Titel eines Internationalen Meisters, die Vorstufe zum Großmeister. Ex-Weltmeister Garri Kasparow traut Keymer sogar den Vorstoß in die Weltspitze zu.

Doch momentan überzeugt der Gau-Algesheimer beim Topturnier in Gibraltar weniger. Mit 3,5 Punkten liegt er nach sieben Runden nur im Mittelfeld. Noch schlechter steht allerdings Noel Studer (3) da. Besser als der junge Großmeister aus der Schweiz spielt sein Bayern-Mannschaftskamerad Valentin Dragnev.

Die österreichische Nachwuchshoffnung holte 4,5 Zähler und ist noch ungeschlagen. Schweben Dragnev und Studer spätestens am Samstagmorgen mit dem Flieger ein, erhöhen sich die Chancen der Bayern gegen die Gegner aus Schwaben. MSA Zugzwang dürfte hingegen auch in Bestbesetzung gegen Schwäbisch Hall am Sonntagmorgen den Kürzeren ziehen.



Über den Autor

Hartmut Metz ist Redakteur beim Badischen Tagblatt mit Hauptsitz in Baden-Baden. Er schreibt außerdem unter anderem für die taz, die Frankfurter Rundschau und den Münchner Merkur über Schach und Tischtennis. Zudem verfasst der FM von der Rochade Kuppenheim regelmäßig Beiträge für das Schach-Magazin 64, Schach-Aktiv (Österreich) und Chessbase.de. Darüber hinaus stammen mehrere Turnierbücher aus seiner Feder.